Li Lis Reisetagebuch
Eintrag 3 von 113. Eintrag: Wie man einen Ho-zen fängt
Nach meinen Erlebnissen im Tal des Anbrechenden Morgens ging es nun zum Dai-Lo-Bauernhof!
Dieser wunderschöne Ort ist die Kornkammer der Wandernden Insel und wie ich in der Großen Bibliothek erfahren habe, gehört der Boden in dieser Region zu den fruchtbarsten der Welt. Dai-Lo selbst ist eine kleine Bauerngemeinde in der Nähe der „Ränge“ – langer, gewundener Abschnitte aus bestelltem Land voller Kürbisse, Möhren und anderen leckeren Dingen.
Das reichhaltige Angebot frei zugänglicher reifer Nahrungsmittel macht das Gebiet zu einem bevorzugten Ziel für lästige Plagegeister wie die Shed-Ling. Diese pelzigen Biester fressen alles, was sie in ihre schmutzigen kleinen Hände bekommen, aber besonders gern mögen sie Gemüse.
Doch die Shed-Ling stellen nur eines der Probleme auf dem Bauernhof dar. Auf dem Weg nach Dai-Lo erzählte mir der Karrenfahrer Lun, dass eine Gruppe Ho-zen-Diebe sich in das Dorf geschlichen und einige Säcke Reis sowie verschiedenes Gemüse gestohlen hatten. Normalerweise halten sich diese hartnäckigen Affen in Fe-Feng im nordwestlichen Teil der Insel auf, machen manchmal aber auch hier Ärger.
Eines muss ich jedoch klarstellen: Ich mag Ho-zen. Sie haben ihre eigene, faszinierende Kultur und spezielle Bräuche. Ho-zen sind auf eine sympathische Art ziemlich verrückt. Aber gelegentlich übertreiben sie es einfach.
Ich war geschockt, als ich erfuhr, dass niemand versuchte, die Diebe zu finden. Da schon die Shed-Ling überall herumschlichen, erschien es den Bauern aus Dai-Lo wohl nicht so schlimm, ab und zu ein paar Nahrungsmittel zu verlieren. Ich sah es aber anders: Falls die Bauern es zuließen, dass die Ho-zen ihre Ernte stehlen, würden es diese pelzigen Rabauken immer wieder tun. Sie vergriffen sich an unserem Essen und ich wollte nicht die Hände in den Schoß legen und sie ungeschoren davonkommen lassen!
Lun sagte, dass die Ho-zen zuletzt in den nördlich von den Rängen gelegenen Wäldern auf ihrem Weg zu einem Gebiet namens „Die Singenden Teiche“ gesichtet worden waren. Schon bald hatte ich eine Spur aus angenagten Möhren und weggeworfenen Brokkoli-Röschen gefunden. Anscheinend mögen selbst Ho-zen keinen Brokkoli ... Ich folgte der Spur bis in die abgelegenen Smaragdwälder, in denen sich die Teiche befinden.
Zu den Singenden Teichen bin ich schon immer gerne gegangen. Dieser Ort ist ruhig und voller Magie. Ich habe dort viel Zeit verbracht und auf Pfählen balanciert, die hoch aus dem Wasser ragen. Dieses Training ist ganz schön spannend, da man nicht einfach nur nass wird, wenn man hineinfällt. Das Wasser hat noch eine ganz andere Eigenschaft.
Im Laufe der Jahre sind alle möglichen Arten von Tieren in den Teichen gestorben und ihre Geister haben sich mit dem verzauberten Wasser verbunden. Wenn man nass wird, dann ... BUMM! Als Nächstes ist man ein hüpfender Frosch oder watschelt als Schildkröte durch den Schlamm. Es gibt sogar einen Teich mit Stinktiergeistern. Wenn der Fluch vorbei ist, riecht man noch tagelang äußerst unangenehm!
Gründlich suchte ich alles ab und beobachtete Kinder, die unter Anleitung eines Pandaren namens Bo der Starke von Pfahl zu Pfahl hüpften. Das ist ein kräftiger und ernster Geselle, der auch mich schon seit Jahren unterrichtet. Er hat ein gutes Herz, allerdings kann man mit ihm so viel Spaß haben wie mit einem Eimer voller alter Fischköder. Bei Bo dem Starken heißt es immer: „Mach das nicht!“ – wie bei meinem Papa. Die beiden sind das genaue Gegenteil von Onkel Chen.
Bo der Starke entdeckte mich, als ich an den Teichen entlangging, und warf mir einen bösen Blick zu. Er dachte wahrscheinlich, ich führte nichts Gutes im Schilde. Und da hatte er natürlich recht ... Zum Glück war er zu sehr mit dem Training beschäftigt, als dass er mir Ärger bereiten konnte.
Schließlich fand ich die Ho-zen-Diebe – und zwar genau fünf von ihnen. Sie lungerten am Stinktierteich herum und stießen sich gegenseitig ins Wasser. Immer, wenn einer hineinfiel und sich kurz verwandelte, hüpften die anderen ganz aufgeregt herum, wobei sie prusteten und brüllten, als würde es in der Brauerei Ki-Han etwas umsonst geben.
Auf einem nahegelegenen Hügel entdeckte ich hinter einem Baum die Überreste der Reissäcke und des Gemüses. Die Ho-zen waren so in ihr Spiel vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, wie ich mich leise an das Versteck heranschlich, um mir die Waren anzusehen. Ich kam näher und näher, bis die Nahrungsmittel nur noch eine Armlänge entfernt waren, und dann ... kamen plötzlich zwei flaumige Ho-zen-Babys hinter den Säcken hervor!
Ich hätte nicht gedacht, dass hier eine ganze Familie auf Diebestour gegangen war. Da sie mit der Beute anscheinend ihre Jungen gefüttert hatten, konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie ihnen wegzunehmen. Aber ein bisschen Rache war durchaus noch drin. Also warf ich einen der gestohlenen Kürbisse nach den Ho-zen beim Teich und rannte in den Wald. Dem lauten Platschen nach zu urteilen hatte ich zumindest ein paar von ihnen erwischt. Allerdings dürften sie nach der Verwandlung in Stinktiere besser gerochen haben als vorher ...
Tja, nun war wohl die Zeit gekommen, mich endlich meinen Ängsten zu stellen. Ich besorgte mir Vorräte aus Dai-Lo und machte mich auf den Weg in den Pei-Wu-Wald, den gefährlichsten und verbotensten Ort auf der gesamten Wandernden Insel!
