Li Lis Reisetagebuch

Eintrag 4 von 11
4. Eintrag: Der Verbotene Wald

Vollgepackt mit Vorräten vom Dai-Lo-Bauernhof bereitete ich mich auf meine Reise zum tödlichsten Ort auf der Wandernden Insel vor, dem Pei-Wu-Wald!

Der Wald ist gefährlich und der Zutritt daher fast allen Pandaren untersagt. Ich wusste, dass es nicht einfach sein würde, mich hineinzuschleichen. Der dichte Bambuswald ist von Hügeln und steilen Bergen umrandet und der einzige Zugang wird von zwei riesigen Toren versperrt. Diese unnachgiebigen Tore liegen vor Mandori, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe. Das mag zwar praktisch klingen, bedeutet aber auch, dass in der Nähe der Tore immer Pandaren anzutreffen sind. Es ist also sehr schwierig, dieses Hindernis unbemerkt zu überwinden.

Was alles noch schlimmer machte, war, dass ich Bo den Starken sah, als ich nach einem stillen Fleckchen suchte, von dem aus ich das erste Tor genauer untersuchen konnte. Warum nur musste er unbedingt heute im Dorf herumschnüffeln? Er fragte mich, was ich vorher bei den Singenden Teichen gemacht hätte. „Ich habe die Schönheit und Pracht unserer Heimat genossen“, antwortete ich ihm – und das war nicht gelogen!

Trotzdem kniff Bo der Starke einfach nur die Augen zusammen und blickte mürrisch drein, wie immer. (Ich frage mich, ob er weiß, wie sehr er einer runzeligen Mooshautkröte ähnelt, wenn er das macht.) Da Bo unbedingt mit seiner fetten Schnauze herumschnüffeln musste, ging ich nach Hause, um mich etwas auszuruhen und abzuwarten, bis die Luft wieder rein war. Noch vor Sonnenaufgang verließ ich die stillen, verlassenen Straßen und kletterte mit einem Seil aus Yakhaar, das ich vom Dai-Lo-Bauernhof mitgebracht hatte, über die zwei großen Tore.

Schon bald erhob sich die Sonne über den Horizont, das dicke Kronendach des Pei-Wu-Waldes blockierte jedoch fast das ganze Licht. Nebelschwaden lagen dicht über dem Waldboden und erschwerten mir zusätzlich die Sicht. Um mich herum konnte ich aber Geräusche hören ... Unmengen von Geräuschen. Die Region ist für ihre reichhaltige Tierwelt wohlbekannt, doch es gibt nur eine Kreatur, die das Herz aller Pandaren mit Furcht erfüllt: der wilde Pei-Wu-Tiger.

Und einer von ihnen hatte es auf mich abgesehen. Wohin ich auch ging, aus einiger Entfernung folgte mir das Geräusch schwerer Pfotenschritte. Wenn ich anhielt, hielt auch mein Verfolger an. Wenn ich mich bewegte, bewegte auch er sich. Dann, ganz plötzlich, stürzte die Bestie schnaubend und knurrend auf mich zu. Ich nahm die Haltung des starken Ochsen an, um mich zu verteidigen, als die riesige Gestalt plötzlich aus dem Nebel hervortrat –

es war Bo der Starke!

Warum konnte er sich nicht einfach um seine eigenen Angelegenheiten kümmern? Ohne ein Wort brachte Bo mich zurück nach Hause. Dann weckte er Papa auf und erzählte ihm, dass ich mich in den verbotenen Wald geschlichen hatte. Papa stauchte mich eine gute Stunde lang zusammen, bevor er sich wieder beruhigte. Zur Strafe, so entschied er, sollte ich eine ganze Woche lang das komplette Übungsprogramm bei den Singenden Teichen über mich ergehen lassen ... unter Bos strenger Aufsicht.

Ich versuchte, Papa zu erklären, worum es mir ging ... dass ich mich der Erkundung der Großen Schildkröte gewidmet hatte und darüber schrieb, wie wundervoll die ganze Reise war. Ich hatte geglaubt, es würde ihn glücklich machen, doch er schien sich weder darum zu kümmern noch mich zu verstehen.

Papa sagte, dass meine Bestrafung am nächsten Tag beginnen würde, was bedeutete, dass ich noch einen weiteren Ort besuchen konnte. Ich kochte noch immer vor Wut wegen allem, was geschehen war, machte mich aber dennoch auf den Weg nach Westen. Schließlich gelangte ich zu einem langen, gewundenen Pfad, der zum Stabwald führte – der letzten Ruhestätte der Pandarenältesten der Wandernden Insel. Ein riesiger Steinlöwe, der Wächter der Ältesten, hütet den Eingang. Das mächtige Wesen gewährt nur jenen Zugang, die es im direkten Kampf bezwingen können. (Ich gehörte mit zu den jüngsten Pandaren, denen dies jemals gelungen war.)

Vor vielen Jahren, bevor er die Große Schildkröte verließ, hatte Onkel Chen mir erzählt, dass er diesen Teil der Insel oft auf der Suche nach Inspiration besuchte. Damals verstand ich ihn nicht, aber heute tue ich es. Dieser Ort ist von Magie erfüllt. Wenn jemand hier zur Ruhe gebettet wird, pflanzt man den Gehstab des oder der Verstorbenen in den Waldboden und der Stab wächst schließlich zu einem wundersamen Baum heran. So ist hier nach vielen Generationen ein ganzer Wald entstanden, der die gesamte Geschichte der größten Pandaren der Insel verkörpert.

Selbst meine Familie hat hier ein Grab, doch darüber möchte ich lieber nicht schreiben. Ich habe es dieses Mal nicht besucht. Nach dem Streit mit Papa konnte ich nicht noch mehr Kummer ertragen.

Als ich durch eines der ältesten Dickichte des Waldes spazierte, begegnete ich dem Ältesten Shaopai, der am Schrein seiner Familie gerade ein paar Räucherstäbchen anzündete. Shaopai ist ein unglaublich weiser Pandaren aus dem nahe gelegenen Morgenhauch. Der Älteste hat sein ganzes Leben dem Aufzeichnen weiser Worte gewidmet, zum Wohle zukünftiger Generationen.

Shaopai begleitete mich einen Teil des Weges, deutete dabei auf verschiedene Bäume und erklärte mir, an wen sie uns erinnern sollen. Bevor er den Rückweg in sein Dorf antrat, sagte er noch zu mir: „Ich spüre, dass dich etwas belastet, kleine Sturmbräu. Es steht mir nicht zu, dir Fragen zu persönlichen Dingen zu stellen, aber nimm bitte dies.“ Der Älteste gab mir einen glatten, runden Gegenstand, der kaum größer als meine Pfote war – es war ein Kummerstein. „Wenn dir das Leben schwer auf den Schultern lastet, kann der Kummerstein deine Last mindern. Seine Magie ist sehr stark."

Ich hatte die Kummersteine immer für nutzlosen Schnickschnack gehalten, doch wenn ein Weiser wie Shaopai an ihre Kraft glaubt, dann glaube auch ich daran.

Als ich schließlich den Wald verließ, überkam mich ein merkwürdiges Gefühl, das ich seither nicht abschütteln konnte. Ich war dankbar für Shaopais Geschenk und auch dafür, dass ich so viele wundervolle Orte auf dieser Insel bereisen konnte, aber ich wollte mehr. Die Wandernde Insel ist ein wunderschönes und zauberhaftes Land voller Geschichten und Wunder. Doch sie ist auch mein Zuhause. Ich habe hier alles gesehen. Aber da draußen, dort wartet eine ganze Welt darauf, entdeckt zu werden. Und ich mache mir Sorgen, weil ich fürchte, dass ich sie niemals sehen werde.

Den Rest des Tages verbrachte ich in der Großen Bibliothek und las erneut Onkel Chens Briefe durch. Er fehlt mir. Papa sagt, dass mein Onkel wahrscheinlich bei einem seiner „verrückten“ Abenteuer ums Leben gekommen ist, aber das glaube ich nicht. Ich weiß, dass er noch irgendwo da draußen ist, und ich weiß, dass er eines Tages zurückkehren wird.

Und bis dahin kann ich nichts weiter tun, als den Weg des Wanderers hier auf der Großen Schildkröte am Leben zu erhalten. Onkel Chen wäre stolz darauf ... Meine Ahnen wären stolz darauf. Denn genau für dieses Leben waren wir immer bestimmt! Liu Lang sagte einst selbst: „Jeder Horizont ist wie eine Schatztruhe, jede leere Karte eine Geschichte, die erzählt werden will.“

Wenn Papa das doch nur auch verstehen könnte. Aber es spielt keine Rolle, was er sagt. Eines Tages werde ich mir in dieser Welt einen Namen machen.

Und wenn es so weit ist, wird Onkel Chen an meiner Seite sein.