Das Mitleid – ah, das war der schwierigste Teil. Für ein Volk, das aus ehrgeizigen Leuten bestand, die im Leben Bestätigung durch die meisterhafte Beherrschung der wissenschaftlichen Gesetze des Universums fanden, war es unerträglich, bemitleidet zu werden. Mitleid kam einer Beleidigung gleich. Gelbin ärgerte sich über die Anteilnahme und er wusste, dass es seinem Volk genauso ging. Als Anführer hatte er gelernt, dass es weise war, auf seine eigenen Gefühle zu achten, da sie zu einem bestimmten Grad das reflektierten, was der Rest der Gnome empfand.
Aber es war nicht nur das Mitleid, jedenfalls nicht für den Hochtüftler. Er war gezwungen, seinen Leuten gegenüber weiter zu lächeln, sie weiter anzufeuern und weiter gnomischen Witz zu zeigen. Gezwungen, beständige und unverbrüchliche Zuversicht im engen Viertel, das die alte Tüftlerstadt war, zu verbreiten, wenn er eigentlich nichts anderes wollte, als zusammenzubrechen und zu Boden zu sinken und ... und ...
Gelbin atmete zitternd ein und taumelte zur Seite. Mit einem dumpfen Schlag prallte er mit der Schulter gegen die Metallwand. So viel Tote. So viele!
Er riss sich zusammen, ballte die Hände zu Fäusten und atmete aus. Er schloss die Augen und zählte Primzahlen, bis die Gefühle sich, wieder einmal, in eine entfernte Ecke seines Verstandes zurückzogen. Sichere, zuverlässige Primzahlen. Auf sie konnte man sich immer verlassen, ihnen vertrauen. Gelbin wusste, dass er sich eines Tages erneut diesen Gefühlen würde stellen müssen, aber im Moment war dafür keine Zeit. Überhaupt keine Zeit. Die Gnome brauchten ihren Hochtüftler im Bestzustand, um ihre Heimat zurückzuerobern, und die Zurschaustellung solch alberner Regungen wie Scham und Bedauern würde nur als Schwäche verstanden werden. Ein wanderndes Volk, das am Rand der Auslöschung navigierte, konnte sich keinen Anführer leisten, der Schwäche zeigte.
Zumindest kein zweites Mal.
Während er diesen Gedanken abschüttelte, schritt Gelbin voran und begann damit, den Zustand seiner einstigen Heimat zu analysieren. Anders als seine Kollegen in der Allianz mied der Hochtüftler extravagante Wohnverhältnisse im Austausch gegen eine praktische Bleibe. Was nützte ein Thron, wenn man stehend besser denken konnte? Das ausgetretene Gängenetzwerk von Sektor 17 war das physische Abbild von Gelbins kreativem Prozess: Bibliothek verbunden mit Entwurfsraum verbunden mit einfacher Gießerei verbunden mit Montageraum. Forschung, Vorstellungskraft, Herstellung, Ingenieurskunst. Hier wurden die Zahlen gesammelt, mit Eisen zusammengeworfen und dann wurden sie in die Welt hinausgeschickt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
In diesen Räumen hatte sich Gelbin den ersten Roboschreiter ausgedacht, der es seinem zwergenhaften Volk erlaubt hatte, mit den mächtigen Rössern der Menschen Schritt zu halten. Diese Erfindung hatte den Ruhm des jungen Gnoms begründet und ihm den Weg zur Führerschaft eröffnet. Der gyromatische Mikroregler, der Reparaturbot, die Tiefenbahn, selbst der Prototyp der zwergischen Belagerungsmaschine – alles hatte seinen Anfang als Entwurf und Träumerei in seinem Arbeitszimmer gehabt. Alles war in der Ursuppe von Gelbins Fantasie entstanden, zur Verbesserung des Lebens der Gnome.
„Was uns zu einer Frage führt“, murmelte er. „Wiegen hundert brillante Erfindungen einen schrecklichen Fehler auf?“
Die Finsternis umfing seine Worte und fügte ihnen Schmerz hinzu. Während er auf die Antwort wartete, die er schon längst kannte, bemerkte der Hochtüftler etwas, das ihn zum ersten Mal seit seiner Ankunft hier unten lächeln ließ. Er redete mit sich selbst. Das war etwas, was er nicht getan hatte, seit ... Nun ja, seitdem er das letzte Mal in diesen Tunneln gelebt hatte. Vielleicht war die wiederkehrende Neurose also ein gutes Zeichen? Gelbin kratzte sich am sauber gestutzten Bart.
„Wenn ich tatsächlich Hoffnung in einem psychotischen Rückfall finde, dann ist wirklich was im Argen.“
Während er durch die Versammlungskammer ging, fuhr er mit einem Finger über eine staubbedeckte Bank und schnalzte mit der Zunge. Die Jahre waren nicht unbemerkt an diesem Ort vorbeigegangen. Selbst in dem flackernden Licht – die noch immer funktionierende Beleuchtung war ein weiterer Beleg für gnomische Ingenieurskunst – konnte Gelbin erkennen, dass sein einst makelloses Arbeitszimmer einmal gründlich durchgewischt werden musste.
Er erblickte die Vitrine mit seinen Trophäen an der gegenüberliegenden Wand. Er hatte sie auf Drängen seiner Lehrlinge hin aufgestellt und auch nur, weil er einen Ort gebraucht hatte, wo er all diese nutzlosen Auszeichnungen hinstellen konnte. Wie alles andere auch, war es mit einer Staubschicht bedeckt.
Das Prunkstück in dem großen Schaukasten war sein erster funktionierender Prototyp eines Roboschreiters, der stolz und schlaksig zwischen diversen Medaillen und Schleifen stand. Gelbin lächelte bei dem Gedanken daran, dass sich auch in den aktuellsten und fortgeschrittensten Hochgeschwindigkeitsmodellen aus Eisenschmiede noch immer der vogelartige Gang und der kesselartige Bauch seines Originalwerks erkennen ließen. Mehr noch: Seine Agenten in Nordend hatten ihm berichtet, dass die rätselhaften Mechagnome seine Erfindung für ihre eigenen mysteriösen Zwecke übernommen und modifiziert hätten. Was könnte schmeichelhafter sein als dass ein Volk, das aus Maschinen bestand, seine Maschine zur Fortbewegung nutzte?
Und obwohl der Roboschreiter die erste (und wohl auch die beliebteste) seiner Erfindungen gewesen war, hatte der stetige Fluss einzigartiger, mächtiger und immens praktischer Kreationen, der seinen Weg aus diesen Hallen gefunden hatte, sich als entscheidender Gewinn für die Allianz aus Zwergen, Menschen und Elfen herausgestellt. An dieser Stelle hatte Gelbin Mekkadrill die Schwelle von einem einfachen Erfinder hin zum Hochtüftler der Gnome überschritten. Hier hatte er seine größten Einsichten erreicht, seine brillantesten Erfindungen zustande gebracht und die größte Anerkennung durch sein Volk erfahren, das Kreativität und handwerkliches Geschick über alles andere stellte und zu würdigen wusste.
Und hier war es auch gewesen, wo Gelbin Mekkadrill törichterweise auf den Rat von jemandem gehört hatte, den er für einen Freund hielt. Hier was es gewesen, wo Gelbin Mekkadrill den Befehl erteilte, der einen Großteil seines Volkes das Leben kosten, die Überlebenden um ihre Heimat bringen und sie in Bettelei und Schande treiben sollte.
Er schlug mit der Faust gegen eine Wand, wobei eine Staubwolke aufgewirbelt wurde, und die Lichter über ihm flackerten als visuelles Echo seiner Frustration. Der Hochtüftler beschloss, diese dunklen Gefühle durch einen Spaziergang abzuschütteln. Er wanderte von der Versammlungskammer zur Gießerei und von dort zum Entwurfsraum. Dann hielt er inne. Gelbin erkannte plötzlich, dass er gerade das erste Anzeichen von echtem Zorn gezeigt hatte, Jahre nach dem Verrat. Und er hatte sich gut angefühlt, dieser vollkommen uncharakteristische Wutausbruch.
Vielleicht zeigte die Gesellschaft der Zwerge langsam Wirkung. Oder vielleicht war es auch der Umstand, dass er wieder Zuhause war, endlich fort von den Blicken mitleidvoller Wohltäter und sich sorgender Bürger, dass er sich fühlte, als ob die Vorhänge aufgezogen worden waren und er nicht mehr der Hochtüftler sein musste. Hier, endlich, konnte er Gelbin sein. Und Gelbin durfte trauern; Gelbin durfte sich verraten fühlen; und Gelbin durfte wütend und untröstlich sein über die verdammungswürdige Ungerechtigkeit der ganzen Sache.
Er knurrte und schlug erneut nach der Wand. Er begrüßte den stumpfen Schmerz in seinen Knöcheln und das befriedigende Klingen, das von den eisernen Gängen um ihn herum widerhallte. Das Mindeste, was das Leben bei den Zwergen mit sich gebracht hatte, war, dass sein Volk stärker geworden war und sich wohler im Umgang mit den eigenen körperlichen Fähigkeiten fühlte, als das jemals zuvor in der akademischen Geschichte der Gnome der Fall gewesen war. Die Zwerge hatten die unfeine Kunst des Nahkampfes gemeistert, in einer Welt voller Wesen, die häufig mehr als doppelt so groß waren wie sie, während die Gnome sich im Allgemeinen darauf konzentriert hatten, zu entkommen und solchen Konflikten einfach aus dem Weg zu gehen. Doch die Jahre voller Not und der Kampf ums Überleben unter ihren stämmigeren Verbündeten hatten den Gnomen, im Guten wie im Schlechten, eine kämpferische Seite gegeben. Gelbin sah mehr Gnome, die Schwerter schwangen, Rüstung anlegten und Großen Leuten Widerworte gaben, als jemals zuvor.
„Na ja“, murmelte er, „die Widerworte waren unserer vorher schon abnehmenden Anzahl nicht gerade zuträglich.“
Das klingende Geräusch seines ungestümen Angriffs auf die Wand hallte noch immer als Echo durch den Raum und der Hochtüftler unterbrach sich mitten im Gedanken. Das hörte sich nicht richtig an.
Gelbin neigte den Kopf und machte einen Schritt zurück. Sektor 17 war in die robusten nordwestlichen Bereiche von Dun Morogh gehauen worden – ein Teil der schneebedeckten Weite, die vor allem aus Granit und Schiefer bestand. Die eisernen Gänge in diesem Flügel von Gnomeregan hätten eigentlich nicht mit derartiger Resonanz auf eine Erschütterung reagieren sollen. Oder trog ihn seine Erinnerung?
Gelbin klopfte mit geschlossenen Augen erneut mit den Knöcheln gegen die Wand. Wieder war ein Klingen zu hören, mit fast glockengleichem Klang.
Ohne seine Augen von der Wand zu nehmen, begab sich Gelbin in die Mitte des Raums. Sein alter, von Trollen hergestellter Stuhl, eine entzückend primitive Konstruktion aus Knochen und Raptorbälgen, stand noch immer am gewohnten Ort. Der Stuhl war ein Andenken des ersten von Gnomen unterstützten Schlags der Allianz gegen ein Hordelager während des Zweiten Kriegs und Gelbin hatte das wild aussehende Ding behalten, um ihn an zwei wichtige Dinge zu erinnern. Erstens, dass seine Feinde in einer Welt lebten, die aus dem Fleisch und den Knochen von Monstern geformt war. Und zweitens, dass selbst moosbewachsene Wilde mit Fangzähnen ab und zu einen gemütlichen Ort zum Hinsetzen brauchten. Obwohl der Hochtüftler nur selten still dasaß, wenn er mit seinen Erfindungen beschäftigt war, hatte er in unzähligen Nächten den Stuhl als behelfsmäßige Liege benutzt, nachdem er wieder bis spät in die Nacht Ideen gewälzt hatte. Dessen niedrige Form und seine weite Sitzfläche mit gepolstertem Leder, die für das relativ umfangreiche trollische Hinterteil gedacht gewesen war, waren perfekt für ein kleines gnomisches Nickerchen geeignet. Mit einem besorgten Seufzen ließ er sich in die angenehme Weichheit seines Stuhls fallen.
Hatte es seit dem Exodus neue Konstruktionsarbeiten in diesem Bereich gegeben? Gelbins Argwohn war nun geweckt. Er blickte durch den Entwurfsraum, auf der Suche nach Zeichen für Sabotage: lose Drähte, falsch gesetzte Blenden oder unbekannte Fußabdrücke im Staub. Der gesamte Sektor war von seiner fähigsten Mannschaft eingehend untersucht worden, aber Mekkadrill hatte gelernt, nichts und niemandem blind zu vertrauen. Ganz besonders, wenn es um Thermadraht ging.
Sicco Thermadraht. Bei dem Namen zog sich sein Magen noch immer zusammen, eine Anspannung, die auch logisches Denken nicht vertrieb. Gelbin hatte endlich einen Begriff gefunden, der dieses seltsame Gefühl umschrieb. Es war ein Gefühl, das ihm gänzlich und erschreckend unbekannt war. Es war Verwirrung. In diesem einen ungewöhnlichen Fall war der Hochtüftler Gelbin Mekkadrill noch immer sehr, sehr verwirrt.
Wie hatte es passieren können?
