Wie in einem Traum stürmte das Herz der untoten Armee Lordaerons vor. Die Befehle, die aus allen Ecken kamen, wirkten sonderbar gedämpft. Skeletthufe fanden irgendwie Halt auf den zerschmetterten Überresten des Walls, als die schwere Kavallerie durch den Riss strömte. Die Verlassenen quetschten sich mit aller Gewalt durch die Lücke, die stellenweise nur vier Mann breit war.
Dann eröffneten die Verteidiger das Artilleriefeuer mit einem dumpfen, wiederhallenden Krachen. Wo die Geschosse auftrafen, zerfielen Männer und Pferde zu Staub und Blut. Musketenfeuer erklang wie die Schläge ferner Trommeln, als eine Reihe nach der anderen fiel. Doch diese Veteranen hatten die Schrecken von Eiskrone erlebt. Unnachgiebig drängten sie weiter vor, um den Kampf zu den Verteidigern jenseits des Risses zu tragen. Die zweite Welle traf ein und schleuderte Wurfanker auf den Wall, während heißes Öl nach unten geschüttet wurde. Und plötzlich ging die gesamte Front in Flammen auf. Das Gewehrfeuer donnerte, und die Verlassenen stürmten.
Einige gelangten auf den Wall, nur um dort niedergemäht zu werden. Die Verteidiger waren keine Menschen. Man hatte diese tollwütigen, wolfsartigen Wesen, die hinter jedem Baum im Silberwald lauerten, tatsächlich in eine kämpfende Streitmacht verwandelt. Wo Gewehre und Schwerter nichts ausrichten konnten, gruben Zähne und Klauen sich in die untote Armee.
Erneut bäumten die Verlassenen sich mit blutbefleckten Klingen und triefend vor Regenwasser auf. Der Nebel hüllte die kämpfenden Gestalten in ein stumpfes Grau und die Schreie der in Stücke Gerissenen hallten wider wie ein dumpfes Echo. Sogar die Verteidiger gerieten langsam ins Schleudern. Sie hatten schon so viele getötet. Konnte es denn noch mehr von ihnen geben?
Die erste Welle der Orcs traf die Gilneer völlig unvorbereitet. Mit Siegeslust in Augen und Kehlen schoben die Streitmächte der Orcs sich über einen Teppich aus Leichen. Jetzt war alles still. Und dann war es fort.
An seinem Ort stand das Bollwerk, die halb fertiggestellte Befestigung, die die Grenze Lordaerons zu dem Gebiet bildete, das als Pestländer bekannt war. Apothekermeister Lydon war da. Sein linker Arm fehlte und in seinem Gesicht klaffte ein riesiger Schnitt. Er redete eindringlich auf sein Volk ein, doch kein Laut drang nach außen. In letzter Minute organisierte er eine Verteidigung am Bollwerk, doch viel stand ihm nicht zur Verfügung. Das Herz der Armee der Verlassenen war in Gilneas geopfert worden.
Die traurigen Überreste stellten sich einer gut organisierten Streitmacht aus Menschen und Zwergen, die nach Westen marschierten und von ihrem Sieg in Andorhal noch ganz beflügelt waren. Es bestand kaum eine Hoffnung auf einen Sieg für die geschlagenen Kämpfer am Bollwerk. Der Rest der Horde war nirgends in Sicht.
Das ist nicht echt, bemerkte Sylvanas und wurde sich plötzlich bewusst, wie sie diese geisterhaften Ereignisse beobachtete. Sie war tot. Sie könnte es fühlen. Doch ihr Geist war in der Zwischenwelt gefangen. Was ist das?
Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, was ihr Sturz in den Tod. Diese Visionen ... Sie erschienen ihr wie Erinnerungen an Ereignisse, die noch nicht eingetreten waren. Woher kamen sie? Wo war sie jetzt?
Plötzlich war die Hauptstadt unter Belagerung. König Wrynn stand vor den brennenden Überresten des Zeppelinturms und zeichnete Pläne von Unterstadt für seine Generäle. Er hatte die Stadt bereits zuvor gestürmt und war sich seines Sieges sicher.
Innerhalb der Stadtmauern brannten Lagerfeuer. Sylvanas kochte vor Zorn. Die Allianz war bereits dabei, die Leichen zu verbrennen. Nein. Halt. Sie versuchte, einen Sinn in dieser nebelhaften Vision zu erkennen. Die wenigen Verlassenen, die noch übrig sind, werfen sich selbst in die Lagerfeuer, erkannte sie, statt sich ihren Henkern zu stellen.
„Das ist nicht echt!", verkündete Sylvanas. Ihre Stimme schallte in ihrem Kopf und klang, als wäre sie noch am Leben. War ihr Volk wirklich so schwach? Nein ... nein! Garrosh hatte ihre besten Truppen in seinen eigenen verschwenderischen Kriegszügen regelrecht ermordet. Die Führung der Verlassenen war ausgenommen worden. Das war es, was diese Visionen ihr zeigten.
Die Nebel schlossen sich völlig, als die Zukunft verschwamm. Sylvanas konnte ihren Köper nicht mehr spüren. Sie schwebte in einer Art Zwischenwelt. Sie bemerkte, dass sie sich selbst sehen konnte, und hob die Hände in schweigsamer Verwunderung. Ihre Haut schimmerte wieder in einem goldenen Rosarot, so fest und strahlend wie zu ihren Lebzeiten. Aber sie war nicht allein.
Mit einem Keuchen erkannte sie, dass sie umzingelt war. Neun Kriegerfrauen schwebten in einem Kreis im sie herum, noch viel schöner als sie selbst. Die Val'kyr erschienen ihr, wie sie ausgesehen hatten, als sie noch am Leben waren. Einige hatten rabenschwarzes Haar, das sonnengebräunte Gesichter mit juwelenartigen blauen Augen einrahmte. Einige hatten blonde Mähnen in der blassen, strahlenden Farbe eines Sonnenstrahls auf unberührtem Schnee. Ihre Gesichter waren sanft, doch ihre Kiefer hart. Ihre Arme waren glatt und muskulös, ihre Schenkel breit und stark. Jede von ihnen hielt eine andere Waffe: einen Speer, eine Hellebarde, ein großes zweihändiges Claymore, dessen schimmernde Schneide sich in poliertem Stahl vom Kinn bis zum Boden ergoss. Jede war die beste Kriegerin ihrer Generation.
Sie waren alle genau wie ich, sah Sylvanas. Eitel, siegreich und stolz.
„Ja, das waren wir", sagte die blonde Val'kyr mit dem Claymore, ganz als hätte Sylvanas ihre Gedanken laut ausgesprochen. Ihre Stimme war voll und schwingend. „Ich bin Annhylde die Ruferin. Dies sind meine Schlachtmaidschwestern. Es sind nur noch neun von uns übrig. Zu Lebzeiten dienten wir den Kriegern des Nordens und haben auch im Tod unseren Dienst fortgesetzt."
„Als Lakaien des Lichkönigs."
Annhyldes Erscheinung erzitterte. „Habt Ihr Euch freiwillig entschieden, dem Lichkönig zu dienen?", fragte sie.
„Was soll das hier? Was sind das für Visionen?", verlangte Sylvanas zu wissen.
„Visionen der Zukunft", erklärte Annhylde. „Jedes Leben, das schwindet, hinterlässt eine Spur. Dies ist die Eure."
„Man braucht nicht gerade eine Kristallkugel, um vorauszusagen, dass Höllschrei die Ressourcen der Horde verschleudert und in seiner Lust nach Eroberung aufreibt." Sylvanas fühlte, wie der alte Zorn wieder in ihr aufflammte, aber ihr Körper reagierte nicht. Sie konnte nichts spüren. „Wohin habt Ihr mich gebracht? Ich sollte tot seid."
„Das seid Ihr auch", sagte eine Val'kyr mit kohlefarbenem Haar.
„Ich kenne die Vergessenheit ", protestierte Sylvanas. „Ihr haltet mich in der Zwischenwelt gefangen. Warum?"
Annhylde blieb ruhig und sprach mit entspannter und kontrollierter Stimme weiter. „Um Euch die Folgen Eures Ablebens zu zeigen und Euch vor die Wahl zu stellen ..."
„Ich habe meine Wahl getroffen", unterbrach Sylvanas sie.
„Euer Volk wird untergehen!" sagte die dunkelhaarige Val'kyr. Sie war zu Lebzeiten eindeutig die jüngste der Schlachtmaiden gewesen und war jetzt in ihrem Untod die ungeduldigste.
Sylvanas dachte an ihr Volk. Es hatte einen weiten Weg von seinen dezimierten Ursprüngen zurückgelegt und war schon lange nicht mehr die sehnsuchtsvolle, verwirrte Meute von frischen Leichnamen, die in den Ruinen der zerstörten Hauptstadt Lordaerons gekauert hatte. Die Verlassenen waren zu einer echten Nation herangewachsen, einer stinkenden, blutverklebten, widerlichen Masse von leblosen Hüllen, die geschickt im Kampf, vernichtend in der arkanen Kunst und befreit von den Fesseln der Sterblichkeit waren. Sie waren zu einer perfekten Waffe geworden. Ihrer Waffe. Und sie hatten den Todesstoß ausgeführt, für den Sylvanas sie geschmiedet hatte. Ihr Schicksal war ihr egal.
„Dann lasst es untergehen!", schrie Sylvanas. "Ich bin fertig mit ihnen!"
Annhylde hob die Hand, um ihre jüngeren Waffenschwester zum Schweigen zu bringen. „Still, Agatha. Sie weiß es nicht. Sie muss mehr sehen." Die Anführerin der Val'kyr richtete ihre leuchtenden grünen Augen auf Sylvanas. In ihren Rändern schimmerte Trauer. „Sylvanas Windläufer, das Ende, nach dem Ihr strebt, soll das Eure sein. Wir werden Euch nicht aufhalten."
Annhyldes Augen schlossen sich, und die Gestalten verschwammen schlagartig zu ihren gesichtslosen spektralen Erscheinungen.
Dann fühle Sylvanas, wie sie weggezogen wurden und ihre Sinne sich zu überschlagen schienen. Alles verschwand und die Zeit stand still.
„Sie ist verloren!", klagte Agatha.
