Es sah aus, als würde sie nur schlafen. Die Gesichtszüge der Nachtelfe wirkten vollkommen entspannt. Nur ihre Mundwinkel waren etwas verzerrt, als wäre ihr Traum nicht besonders angenehm. Ihr Körper war intakt und größtenteils unversehrt, ganz im Gegenteil zu den anderen, die sie in letzter Zeit gefunden hatten. Tyrande Wisperwind kniete neben dem Leichnam nieder, um ihn genauer zu betrachten. Die Haare der Frau waren von blutigem Tang durchzogen, und sie stank nach Meer und langsamer Verwesung. Tot. Schon seit mehreren Tagen. Wahrscheinlich war sie eines der ersten Opfer des Kataklysmus, von der Flut einfach weggespült. Keine Priesterin der Elune könnte sie je wieder zurückholen.
„Tyrande!“ Die Hohepriesterin hob rasch den Kopf, als eine Stimme die Stille durchschnitt. Sie gehörte Merende, einer ihrer engsten Vertrauten. Mit den Augen suchte sie das Ufer von Rut'theran ab und erblickte Merende schließlich, wie sie eine jüngere Priesterin tröstete, die herzzerreißend in ihre weißen Roben schluchzte. Als sie zu den beiden Frauen hinüberging, verstand Tyrande, warum. Vor ihnen lag der verdrehte Körper einer jungen Nachtelfe.
Ihre Schwester, formte Merende stumm mit den Lippen und deutete mit dem Kopf auf die trauernde Priesterin. Tyrande nickte und bedeutete ihnen, zu gehen. Als sie verschwunden waren, richtete Tyrande ihren Blick auf den Leichnam. Sie wusste sofort, dass keinerlei Hoffnung bestand. Ihre Gliedmaßen waren in Übelkeit erregenden Winkeln verdreht und die Wunden vollkommen blutleer. Doch Nachtelfen ließen ihre Toten nicht einfach so zurück. Sie würden ihren Körper waschen, die Wunden verbergen und die gebrochenen Glieder richten. Erst dann würde man die junge Nachtelfe der Erde zurückgeben.
Tyrande ging in die Hocke und wischte den Schlamm vom Gesicht des Mädchens, während sie leise die Mondgöttin bat, ihren Geist zu führen und das Leid der Schwester zu mildern. Kiesel rutschten weg und offenbarten eine helle, violette Haut und Wellen aus dunkelblauem Haar. Ihre mandelförmigen Augen waren noch immer geöffnet und starrten in den wolkenverhangenen Himmel. Das Gesicht erinnerte sie stark an eines, das sie zum ersten Mal vor vielen tausend Jahren erblickt hatte. Tyrande schloss die Augen, um gegen die aufsteigenden Tränen anzukämpfen.
Shandris… Wenn ich doch nur etwas von dir hören würde ...
„Wie weit konntet Ihr vorstoßen, Morthis?“, frage Malfurion Sturmgrimm, während er dem Späher einen Krug dampfend heißen Apfelweins reichte. Dankbar stürzte der andere Nachtelf ihn hinunter und unterdrückte ein Zittern. Er war bis auf die Knochen durchnässt von seiner Patrouille zurückgekehrt, doch bevor er sich erholte, musste er seine Erkenntnisse mitteilen. Die beiden Druiden zogen sich in den obersten Raum der Enklave des Cenarius zurück.
„Die Winde waren schrecklich. Ich habe es nur bis Maestras Posten geschafft, aber dort hatte man Berichte aus Astranaar und Feralas erhalten.“ Der Späher ließ sich auf einer der Holzbänke im Zimmer nieder und sah nervös zu den Ästen der Bäume Darnassus', die sich draußen im Wind wiegten.
„Astranaar steht noch?“, fragte Malfurion mit hörbarer Erleichterung. Seit Tagen schon hatte er Späherpatrouillen ausgesandt, doch die meisten Druiden waren trotz größter Anstrengungen nicht einmal bis zum Festland gekommen. Sie alle brannten auf Neuigkeiten, und viele hatten das Schlimmste befürchtet.
„Ja, Astranaar und die Nijelspitze wurden verschont, doch die Siedlungen entlang der Küste hatten nicht so viel Glück.“
„Was meint Ihr?“
„Dunkelküste ist vollkommen abgeschnitten. Keiner der Druiden, die dorthin entsendet wurden, ist zurückgekehrt“, antwortete der Späher mit vor Trauer brechender Stimme. Einige seiner Freunde waren unter den Vermissten. „Ich musste einen weiten Bogen fliegen, um nicht von den Sturmböen erfasst zu werden.“
„Was ist mit der Mondfederfeste?“, fragte Malfurion. Er hatte seine Frage gerade ausgesprochen, als Tyrandes schlanke Gestalt in der Tür erschien.
„Mondfeder?“ Morthis warf dem Erzdruiden einen fragenden Blick zu, als wäre er nicht ganz sicher, ob er fortfahren sollte. „Die Späher konnten leider keinen Kontakt mit den anderen dort aufnehmen. Aus der Entfernung sahen sie nur das aufgewühlte Meer und ... Naga.“ Seine Stimme erstarb zu einem Flüstern, als er bemerkte, dass Tyrande sich näherte. „… Hunderte von Naga.“
Die monströsen, schlangenartigen Wesen hatten schon in der Vergangenheit die Mondfederfeste immer wieder überfallen, aber einen ausgewachsenen Sturmangriff hatte es bisher nie gegeben.
„Haben sie irgendjemanden auf der Insel gesehen? Irgendwelche Überlebenden?“, fragte die Hohepriesterin scharf.
Der Späher schüttelte den Kopf. „Niemanden.“ Tyrandes Gesichtsausdruck war niederschmetternd, und er konnte ihren Schmerz förmlich spüren. „Aber der Himmel war dunkel und der Regen stark. Ich glaube nicht, dass die Generalin ...“ Er hielt inne und überdachte seine Worte. „Ich meine, die Schildwachen in der Mondfederfeste sind ausgesprochen gut, Hohepriesterin.“
Tyrande seufzte und legte beruhigend die Hand auf seine Schulter. „Dank Eures Mutes und Eurer Standhaftigkeit haben wir diese Nachrichten erhalten, Morthis. Dafür bin ich Euch dankbar. Das ist das Erste, was wir seit dieser Tragödie vom Festland hören. Wir werden jetzt nicht noch mehr von Euch verlangen. Bitte, ruht Euch aus.“
Der Späher nickte und schleppte sich mit langsamen, müden Schritten aus dem Raum.
Malfurion wandte sich seiner Frau zu. Auf ihrem wunderschönen, fast schon alterslosen Gesicht zeichneten sich Sorge, Angst und ein Hauch der unerschütterlichen Entschlossenheit ab, die er in all den Jahren ihres Zusammenseins so gut kennengelernt hatte.
„Es gab fünf Opfer in Rut'theran“, sagte sie. „Keines von ihnen konnte ich retten.“
„Tyrande ...“ Malfurion schloss tröstend seine Hände um die ihren.
„Ich muss zu ihr, Mal. Shandris ist wie eine Tochter für mich.“ Sie schwieg einen Moment. „Vielleicht die einzige Tochter, die ich je haben werde.“
Ihre Worte versetzten ihm einen Stich ins Herz. Einst hatte es eine Zeit gegeben, in der die Zukunft der Nachtelfen keine Grenzen kannte, doch die Opferung der Segen des Weltenbaums Nordrassil bedeutete auch das Ende dieses Traums. Welche Folgen die neue Sterblichkeit der Nachtelfen hatte, war immer noch unklar, doch viele fühlten die Bedrohung stumm wie eine Klinge über ihrem Kopf schweben. Die Kinder der Sterne waren nicht länger so alterslos, wie ihr Name es andeutete.
„Ich weiß, aber warum jetzt? Woher willst du wissen, dass das Schicksal der Feste nicht schon längst besiegelt ist?“, fragte er mit vor Sorge gerunzelter Stirn.
„Seit all dies begonnen hat, war Shandris immer in meinen Gedanken. Ich kann dir nicht sagen, woher ich es weiß, nur, dass ich keinen Zweifel habe.“
„Also hattest du eine Vision?" Malfurion wusste, dass die Mondgöttin Elune Tyrande bereits in der Vergangenheit derartige Einblicke gewährt hatte.
„Nein, dieses Mal nicht. In letzter Zeit verbirgt sich Elune hinter den Schleiern. Meine Gefühle kommen tief aus meinem Inneren ... Eine Mutter weiß, wenn ihr Kind in Gefahr ist.“ Sie unterbrach sich, als er sie zweifelnd ansah. „Nicht alle Bande sind aus Blut, Mal.“
„Aber seit dieser Tragödie sagen wir unserem Volk immer wieder, dass sie in Teldrassil bleiben sollen, dass sie eben nicht nach ihren Verwandten auf dem Festland suchen sollen, da sie dort doch nur ihren eigenen Tod finden würden.“
„Dann glaubst du also, dass ich dem Tod in die Arme laufe?“ Ihre Augen funkelten wie Eis.
„Nein“, gab er zu. Es ließ sich nicht bestreiten, dass die Hohepriesterin zu den Lieblingen der Elune gehörte und selbst eine ausgezeichnete Kriegerin war. „Aber ich würde Darnassus in diesen finsteren Zeiten nicht verlassen. Ich weiß, dass ich selbst viel zu oft fort war, und es quält mich. Ich wünschte, ich wäre bei der Geburt Teldrassils dabei gewesen, da gewesen, als mein Bruder in der Scherbenwelt sein Ende fand ...“ Er seufzte. „Und doch kann ich die Vergangenheit nicht ändern. Aber jetzt kann ich hier sein.“ Und ich wünsche mir, dass du hier an meiner Seite bist, hatte er hinzufügen wollen, doch ihr Blick brachte ihn zum Schweigen.
„Illidans Schicksal war bedauernswert, Mal. Wir alle waren hilflos dagegen. Der Wahnsinn fraß sich in ihn, bis nichts mehr übrig war.“ Noch immer erinnerte sie sich daran, wie merkwürdig er ihr vorgekommen war, fast schon fremdartig, als Sargeras ihm vor Tausenden von Jahren die Augen ausgebrannt hatte. „Wir müssen unsere Anstrengungen auf diejenigen konzentrieren, die gerettet werden können ... sonst werden wir unsere Entscheidungen immer und immer wieder bereuen.“
Ihre elfenbeinfarbenen Roben wirbelten wie ein schnell aufbrausender Sturm um sie herum, als sie sich umdrehte und den Raum verließ.
