[H] "Wanderer" rekrutiert ...nicht.

Die Aldor
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[Dual]

Der Traum ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest
in unsere Haut eingeschlossen sind, als es scheint.

- Friedrich Hebbel

Der Monat war um und Nerolas hatte sein Wort nicht gehalten.
Rhavandir stand an einem der vielen düsteren Küstenabschnitte, die die von einem neuen Krieg zerrissene Welt zu bieten hatte. Die vor einigen Tagen gefassten kleinen Zöpfe flatterten halbaufgelöst im kalt gewordenen Wind. Langsam verblasste die Silhouette des seltsamen Wesens im frühen Morgennebel, das er durch die letzten Wochen begleitet hatte. Ob er in all der Zeit wirklich schlau aus den Gedanken des soziopathischen und traumatisierten Zeitgenossen geworden war, stellte er berechtigt in Frage. Allein, jede Verrücktheit hatte einen unverfälschten wahren Kern. Im Stillen sandte er dem vagen Schemen einen Abschiedsgruß des guten Gelingens nach, was auch immer er darunter letztlich verstehen würde.
Er fühlte keine Erleichterung.
Rhavandir schloss die Augen und rieb sich über Lider, Stirn und Schläfen. Er spürte die feste Kühle seiner eigenen Hand. Das Gewicht der Axt, die kaum bewegt schwer in ihrem Riemen über seiner Schulter hing. Seine Kopfhaut juckte und die Ohren prickelten im eisigen Hauch, der von einem frühen Winter kündete. Die Kälte war belebend.
Was innerhalb eines Monats alles geschehen konnte. Zwei große Städte dem Erdboden gleich. Wahrscheinlich war es einfach eine der großen Wahrheiten der Welt, dass es stets einen Feind geben musste. Hatte man keinen gemeinsamen, suchte man den Feind im Gegenüber.
Selbst wenn sie sich zumeist abseits der Straßen aufgehalten hatten, schien die Kunde von der Zerstörung Teldrassils und der Verwüstung Unterstadts selbst vom kleinsten der fallenden Blätter weitergetragen zu werden. Es war unmöglich, daran vorbeizuleben. Er fragte sich, was die Bansheekönigin sich dabei gedacht hatte und verwarf die Frage, als ihm bewusst wurde, dass er sie wohl nie zu seiner eigenen Zufriedenheit beantwortet wissen würde.
So wie viele andere.
Das strahlende Blau seiner Augen öffnete sich zwischen seinen gespreizten Fingern, ohne einen klaren Fokus zu fassen, und mit einem tiefen Atemzug ließ er die Hand von seinem Gesicht gleiten. Der Arm sank und fasste neuen Halt an seinem Schultergurt, der quer über seine Brust lief.
Noch bevor sich sein Blick ganz geklärt hatte, wandte er sich von dem Weg seines Begleiters ab, um die gänzlich entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Ziellos? Nein. Obwohl ihm das Ziel nicht gänzlich klar war, trugen ihn die Schritte fest und sicher. Rhavandirs Blick war geradeaus gerichtet. Er wusste, dass der Weg lang und nicht gerade sein würde - und er hatte sich damit abgefunden, ihn zu gehen.

Geschrieben zu EDEN - Drugs
https://www.youtube.com/watch?v=IjZ75qI5BOk
[Das Licht der Tiefe]

Sie befand sich an der äußeren Grenze des zandalarischen Reiches, nah an den beginnenden Weiten des Ozeans, und hielt eine köderlose Angel in der Hand.
Die Angel bestand aus einer Art riesigem Murloc-Gerippe, und als wenn das nicht schon sonderlich genug gewesen wäre, schien sie auch noch von innen heraus zu schimmern.
Saishie hatte ihren Blick dorthin gewandt, wo Himmel und Meer nahtlos ineinander übergingen. Eine Weile lang stand sie reglos da und beobachtete stumm die aufziehenden Wolken, die den Himmel dunkelgrau färbten und einen aufkommenden Sturm vermuten ließen.
Behutsam, aber nicht unsicher, setzte sie schließlich einen Schritt nach vorn. Die magisch erzeugte Oberflächenspannung ließ die Elfe den Ozean betreten, als sei er ein weicher Teppich.
Leise raschelte die lange Robe um den dunklen Lederschaft der Stiefel, als sie den nächsten Schritt wagte. Ein flüchtiges Lächeln stahl sich auf ihre Gesichtszüge.
Dann beschritt sie vollends das endlose Blau.

Bon Jovi - You give Love a bad Name
[Neue Horizonte]

Die Sonne war bereits verschwunden und nur ihr schales Restlicht hing noch blassgelb über dem Horizont seicht bewegter Wellen. Langsam ließ der Elf den strahlend blauen Blick an den himmelhohen Kaskaden hinaufwandern. Das mussten tausende Treppenstufen sein. Das Treiben des Hafens würde erst mit dem letzten Verlöschen der Laternen verebben. Selbst am Abend war noch allerorten betriebsame, zunehmend soziale Geschäftigkeit vorhanden. Auch wenn von Gedränge lange keine Rede sein konnte - die Straßen und Plätze waren so breit wie für Titanen errichtet und Rhavandir fragte sich insgeheim, mit wie vielen Körpern man sie hätte füllen müssen, um den Stein des Bodens zu bedecken - so ließ doch das allgemeine Raunen abgerissener Gespräche und das ein oder andere Rufen und Geschrei in der Ferne darauf schließen, dass noch jede Nische gut genutzt sein müsse.
Jemand schob sich an ihm vorbei und raunte ein Wort, das entschuldigend und ungeduldig zugleich klang. Er trat instinktiv beiseite und wurde dennoch angerempelt. Ohne es bewusst zu registrieren, vermutete er, dass es Zandali gewesen sein musste. Der aufrechte Troll mit der Kiste auf den kräftigen Armen wuchtete sie auf seine Schultern und wankte mit den Schritten eines Festlandverlorenen den Kai entlang, wo er sich bald seinem Blick entzog.
Kurz rückte Rhavandir sein Gepäck zurecht und senkte den Blick auf den lose aufgeplankten Bootssteg. Das Wasser darunter wogte spiegelnd im letzten Rest des Tages. Verlockend, sich in der Bewegung zu verlieren.
Ruckartig riss er den Blick los und hob den Kopf der Stadt entgegen. Im nächsten Augenblick setzte seine Stiefelsohle auf Stein.

Pat Benatar - Love is a battlefield
https://www.youtube.com/watch?v=40YVEH8QC6o
Zandalar, Zuldazar
Tag drei des elften Mondlaufs im Jahr des neuen Krieges

Zwischen Wachen und Tagtraum verschwimmen die Gesichter. Ich weiß nicht mehr, wer mir gesagt hat, dass das Schreiben helfen soll, aber ein Poet werde ich wohl nie werden. Ich sitze und schaue und drehe meine Hand im Schoß. Öffne und schließe die Finger und beobachte die Sehnen um Knöchel und Gelenke. Wie sie hervortreten und wieder verschwinden. Hervortreten und wieder verschwinden. Die Neugier, die meine Motivation beflügelt hat, ist fast gänzlich verschwunden. Es ist nur eine andere Stadt, wie so viele, austauschbar in Bevölkerung und Kultur. In der Masse wirken sie alle gleich.
Die Unterkünfte sind erbärmlich, trotz des aufdringlichen Protzes, der die Fassaden grell im Licht der Sonne glänzen lässt. Primitivität lässt sich nicht verstecken.Es gibt einen Unterschied zwischen der Einfachheit und der Grobheit von Details. Einfachheit kann überzeugen. Schlampigkeit nicht.
Es fällt nur allzu einfach, Hygiene schleifen lassen zu wollen. Wer achtet schon darauf. Ein wenig mehr Schmutz auf den Straßen fällt kaum ins Auge und die Nasen scheinen dessen nicht gewahr zu sein.
Wenn es mir nicht selbst widerstreben würde.
Weswegen bin ich hierher aufgebrochen? Ich frage mich selbst nach dem Sinn und kann ihn doch noch nicht erkennen. Vielleicht ist es auch gleich, welchen Weg man geht, wenn man nicht weiß, wohin er führt.


Ein stechender Geruch, intensiv und schwer vom Öl, das ihn trug, lag metallen herb und zitronig frisch in der Luft. Das Glimmen der azurfarbenen Punkte im Halbdunkel verlosch gleichzeitig mit der Flamme der Kerze, die einen dünnen Rauchfaden in die Luft entsandte und die flackernden Schatten an der Wand mitsamt dem Hell der lose gebundenen Buchseiten, Feder und Hand verschwinden ließ.

Bear McCreary - People Disappear All the Time
https://www.youtube.com/watch?v=EznI0hQVvrs
[Im Griff]

Die tieferen Atemzüge waren schon vor einiger Zeit in die flacheren und leichteren eines wachen Bewusstseins übergegangen. Oonayepheton hielt vollkommen still. Das Zimmer lag in dämmerigem Halbdunkel. Selbst wenn er üblicherweise über ein recht genaues Zeitgefühl verfügen konnte, hätte er jetzt kaum sein Leben auf eine bestimmte Tageszeit setzen mögen, zumal die schweren Vorhänge das schießschartenartige Fensterloch vollkommen verhüllten.
Sein Arm ruhte unverändert in der Umklammerung der Sin'dorei. Ihre Hände hatten die gleiche Temperatur angenommen und hätten ihre Finger nicht ab und an disharmonisch zu ihrem Puls gezuckt, so hätte er vergessen können, wo sich Körper von Körper an dieser Stelle separierte.
Die Elfe roch nach Wiese, feuchtem Salz und Stein und ausgeschwitztem Met. Nicht dass der Geruch unangenehmer gewesen wäre als der des Kaschemmenzimmers. Selbst wenn Möbel und Bettzeug einigermaßen sauber waren, so hinterließen wechselnde Benutzer doch immer eine seltsame Kakophonie der Gerüche. Auch von Linndriel und ihm selbst würde etwas hier zurückbleiben. Wahrscheinlich würde es niemandem auffallen.
In sehr konzentrierter Haltung und möglichst ohne allzu große Spannung auf seine Bauchdecke auszuüben, schob er seinen Kopf näher an ihr Ohr heran und räusperte sich leise, aber notwendigerweise, um Stimme zu fassen. "Hey." Er bemühte sich, laut genug zu sprechen und dennoch irgendwie eine nette Tonlage zu erwischen. "Hey. Süße, würdest du..."
Sein Arm drehte sich in ihrer Umschlingung, nur angedeutet, aber deutlich und abermals folgte ein unbewusstes Räuspern. "...ich muss mal p.issen."
Die Elfe schien tief und fest zu schlafen. Die Reaktion auf die geflüsterten Worte des Elfen war nicht die gewünschte. Statt aufzuwachen gab sie bloß ein leises Grummeln von sich und drehte sich in der Umarmung des Dämonenjägers auf die andere Seite, sodass sie nun mit dem Gesicht an seine Brust geschmiegt lag und einfach weiterschlief. Die wilde Lockenmähne, welche durch den Schlaf noch ungebändigter wirkte, hing ihr im Gesicht und verhinderte die Sicht darauf. Lediglich ihr regelmäßiger, tiefer Atem war deutlich zu hören, hatte allerdings eher etwas beruhigendes als etwas störendes an sich.
Oonayepheton ächzte mühsam und knurrte dann leise und unwillig. Der Satz auf Eredun war kaum zu verstehen, lediglich das "Sargeras" kam verständlich über seine Lippen. Jede Feder an seinem Körper hätte wie ein Zentnergewicht auf seine zu bersten drohende Blase und deren anderweitige Konsequenzen gedrückt. Das Gute an dieser Art Umlagerung war allerdings, dass die Elfe von seinem Arm abgelassen hatte. Zunächst bemüht vorsichtig, dann nachdrücklich und rigoros wand er sich aus Linndriels Anlehnung und den Laken und krümmte sich mit gepresstem Gesichtsausdruck aus dem Bett. Er angelte ohne großes Federlesen nach dem Nachttopf, nestelte an seiner Hosenschnürung und ließ nach Sekunden, die sich wie Ewigkeiten zogen, endlich laufen. Das Stöhnen der Erleichterung unterdrückte er ebenso wenig wie den Rest der Geräuschkulisse. Sch.eiß die Wand an. Tat. Das. Gut.
Wenn nicht wegen der groben Bewegung, dann wachte Linndriel spätestens von dem hallenden Plätschern auf. Verwirrt sah sie sich um, konnte ob der Schlaftrunkenheit und des mangelnden Lichts nicht so recht einordnen, wo sie sich befand und woher genau dieses ohrenbetäubende Geräusch kam.
Mit der Hand fuhr sie sich durchs Gesicht, in dem Versuch den Schlaf zu vertreiben und setzte sich gähnend auf. Die Augen hatten sich inzwischen an die Lichtbegebenheit gewöhnt, so dass sie nun Oona vor dem Bett stehen sah und bemerkte, dass dieses Geräusch seinen Ursprung bei ihm fand. „Ist das dein Ernst?“ murrte sie leise, wusste nicht, ob sie darüber lachen oder angeekelt sein sollte, und ließ sich geradewegs wieder rückwärts ins Bett fallen. „Wie spät ist es?“ fragte sie einen Moment später und versuchte ein Anzeichen dafür zu finden, wie weit der Tag bereits fortgeschritten war.
Der Dämonenjäger gab nicht gleich Antwort. Noch zweimal wiederholte sich das Geräusch, kürzer und unterbrochen, dann seufzte er langgezogen und befreit und richtete sich, den Rücken zum Bett, die Kleidung wieder auf eine angemessene Art und Weise. "Mein vollster" war nur ein gemurmeltes Echo auf die rhetorische Frage, den Kopf hielt er noch gesenkt, während er die Schnürung wieder sorgsam verknotete. Er schob den Nachttopf langsam und vorsichtig mit dem Fuß beiseite, um ein Schwappen zu verhindern und drehte sich, die Hände an der Hose wischend wieder zur Schlafstatt um. Beinahe automatisch verschränkten sich die Arme und sein Gesicht senkte sich auf die Sin'dorei. "Keine Ahnung wie spät es ist. Hab nicht nachgesehen."
Nach einem undefinierten Augenblick, in dem sich sein Mund zu einer abschätzenden Miene verzog, löste er die Verschränkung der Arme wieder, griff nach dem Laken und warf es auf, so dass er sich in aller Seelenruhe eben dort platzieren konnte, von wo er so gezwungen aufgestanden war. Ein Arm schob sich unter seinen Kopf und kurz richtete er seinen Fokus neben sich auf die vom kleinen Tod Erstandene, bevor er ihn in die Armbeuge zurückrollen ließ. Sein Gericht war nun gerade zur Decke gerichtet. Er zog ein Bein leicht an und ließ das andere ausgestreckt. Als sich die freie Hand über seinen Magen schob, hatte er exakt die Haltung eingenommen, in der sie ihn schlafend am frühen Morgen angetroffen hatte. Worüber auch immer er nachdenken mochte, an seinem Profil war ihm nichts davon abzulesen.
Nach einigen langen Minuten des Grübelns und Stillschweigens, in denen kein einziges Wort fiel, drehte er beinahe abrupt und unvermittelt erneut den Kopf in Linndriels Richtung, öffnete den Mund, so als ob ihn ein kurzes Zögern innehalten ließe und sagte dann in einem so selbstsicheren Tonfall, dass das Zögern so gar nicht recht dazu passen wollte: "Willst du Sex haben?"
Aeshma heulte auf.

Mattafix - Big City Life
https://www.youtube.com/watch?v=4mtfnfQoAco
Zandalar, Zuldazar
Tag sechs des elften Mondlaufs im Jahr des neuen Krieges

A. Ich weiß nicht, wie es möglich ist, aber ich habe dich schon wieder gesehen. Wie kann es sein, dass du immer dann zu mir kommst, wenn ich an dieser Schwelle stehe? Bilde ich mir das alles nur ein? Und was wolltest du mir damit sagen?...
Wofür.


Das etwas abseits stehende Initial sah aus, als habe man aus der nicht ganz trockenen Tinte einzelne Linien herausgezogen und nachträglich ziellos daran herumgekritzelt. Spiralen und Striche verbanden sich zu einer naiven floralen Ornamentierung. Sie wirkte unfertig. Vielleicht unterbrochen. Einzelne Worte waren halb verwischt, so als sei das Buch zugeklappt worden, bevor die Tinte aufgesogen worden war.

Zandalar, Zuldazar
Tag sieben des elften Mondlaufs im Jahr des neuen Krieges

Neumondnächte scheinen das Gesindel dazu zu verlocken, aus seinen Löchern zu kriechen. Ich frage mich, in wieweit die Regeneration von Gliedmaßen, sofern es nicht die Köpfe betrifft, bei Trollen einsetzt.


Der blutige Abdruck einer kleinen, rechten Hand zierte den Rest der Seite. Es bestand kein Zweifel daran, dass es die Hand eines Kindes gewesen sein musste, die auf das Papier gedrückt worden war. Die Handlinien waren mit schwarzer Tinte nachgezogen und mit seltsamen Symbolen beschriftet worden. Was diese makabere, beinahe wissenschaftlich anmutende Zeichnung zu bedeuten hatte, ließ sich ohne die Hand, das Kind selbst oder einen kundigen Ritualisten wohl schwer herausfinden.

Stiles Stilinski - I'm fine
https://www.youtube.com/watch?v=OC48yGWuVNY
Zandalar, Zuldazar
Tag acht des elften Mondlaufs im Jahr des neuen Krieges

Die natürliche Regeneration ist enttäuschend. Vielleicht bin ich zu ungeduldig. Vielleicht ist es Zustandsabhängig. Laufenlassen war keine Option.

Hier hält mich ebenso wenig wie in der alten Welt. Kaum sehe ich dich nicht mehr, wünschte ich, du würdest wieder zu mir sprechen. Hättest du noch einen so "guten" Rat für mich? Und was würdest du wohl heute zu mir sagen..


Einige Körner Sand zeugten davon, dass die Zeilen sorgsam getrocknet worden waren, bevor das Buch geschlossen worden war.

Zandalar, Zuldazar
Tag acht des elften Mondlaufs im Jahr des neuen Krieges, Mittag

Die Inseln vor der Küste sind klein, die Berge nahezu unerklimmbar und erzarm, wie ich bereits angenommen hatte. Interessanterweise treiben sich hier ebenfalls die Mogu herum, auch wenn mich herzlich wenig interessiert, woran sie arbeiten. Wenn es blutet, kann es sterben, mehr ist dazu nicht zu sagen.
Die natürliche Fauna scheint lediglich aus Großkatzen zu bestehen, wenn man diese denn so bezeichnen möchte. Diese ausnehmend hässlichen Geschöpfe, Säbelhauer wie die grobe Übersetzung des Zandaliwortes wohl lauten dürfte, haben nebst den Säbelzähnen so viele knochenartige und schuppige Auswüchse aus Rücken und Klauen, dass es nicht verwunderlich wäre, würde ein Akt der Paarung in schlichtem Zerfleischen enden. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Natur ein derartiger grausamer Scherz einfiele. Eine aussterbende Art scheinen sie dennoch nicht zu sein. Den Gedanken verfolgend sind also die Männchen mit hoher Wahrscheinlichkeit zutiefst masochistisch veranlagt oder aber besitzen ein Geheimnis, das ich sehr wahrscheinlich nicht erschließen werde. Wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich nicht wirklich.
Amüsieren - wenn man es denn so bezeichnen möchte - das eher. Wenigstens für einen kurzen Augenblick. Es ist heiß in der Sonne, obgleich in anderen Teilen der Welt bereits der Winter hereinbrechen dürfte. Ob die dritte Insel etwas interessanteres birgt? Ich sollte weiterziehen.


Imagine Dragons - Radioactive
https://www.youtube.com/watch?v=CAEUnn0HNLM
[Die dritte Insel]

Weit entfernt. Rhavandir war schon immer weit entfernt davon gewesen, laut mit sich selbst zu sprechen. Innere Dia- oder waren es Monologe? waren ihm allerdings nicht fremd... Er hatte die Entfernung zu der kleinen Insel ganz offensichtlich unterschätzt. Das war ihm jetzt vollkommen klar. Es war so stockfinster geworden, dass er kaum die Hand vor Augen hätte sehen können, wenn er nicht ein Elf.. und dann noch nunja. Neumondnächte eben. Als er den Blick zum Himmel hob und die fernen Lichter der Sterne in winzigen Punkten am Firmament glommen, schätzte er die Stunde nahe gen Mitternacht. Dann erst begann er, die verhältnismäßig winzige Insel näher mit den Augen zu untersuchen. Eine Fackel brannte er nicht an - er hätte auch gar keine bei sich gehabt. Eine Fackel hätte wahrscheinlich auch ohnehin den Blick ins Unscharfe gezogen, und so wäre ihm die Gestalt auf den Felsen am Meer sicher entgangen. Doch gegen die Dunkelheit konnte man die elfische Gestalt durchaus als Schemen wahrnehmen. Ihre Schulterstücke gaben ein flammendes Licht auf die Frau ab. Ihre Haare wirkten durch das Feuer leicht rötlich und ihre Haltung hätte darauf hindeuten können, wenn man denn sich so sehr mit ihr beschäftigte, dass sie fast schon nachdenklich oder gar schmollend dasaß.
Darüber hinaus erinnerte ihn dieses Halbprofil an etwas.. sicher, er benötigte einige Augenblicke, um das Gesicht einzusortieren, dann aber strömten die Bilder ungehindert auf ihn ein. Die Insel Shalandis, der Mondbrunnen und... Für einen Augenblick schloss Rhavandir die Augen und kniff sich fest in die Nasenwurzel, um die Gedanken zu klären, bestenfalls bevor er bemerkt wurde. Am Rande nur hatte er die tortollianischen Hüttenkonstruktionen wahrgenommen, die karg und kaum mit etwas Komfort ausgestattet waren. Vielleicht war die Insel bewohnt. Der mit vier tiefpetrolfarben glühenden Lampen, die zudem die Himmelsrichtungen markierten, begrenzte grasfreie Fleck kreisrunde, bloße Erde war niedergetreten, als ob er zu rituellen Handlungen oder Versammlungen gedacht sei. Als er die Augen wieder öffnete, richtete sich seine Aufmerksamkeit ohne Verzögerung wieder die Felsen hinauf und seine Augen suchten die Sin'dorei.
Die Elfe hatte es offenbar satt, das zu beobachten, was auch immer sie da mit Luftlöchern versah, und streckte eine Hand vor sich aus. Erst umschlangen züngelnde Flammen ihren Handschuh und erhellten die Kriegsmaske und -robe in hellem Schein, dann wurden sie kurz blassweiß, ehe die Elfe irgendetwas hinaus aufs Meer zu werfen schien. Es leuchtete nicht. Aber vielleicht konnte man ein leises Geräusch durch die Wellen hinweg hören, wie ein Stein, der auf dem Wasser aufkam.
Wäre er sich nicht schon sicher gewesen, dann wäre es spätestens jetzt geworden. Rhavandir.. zögerte. War er wirklich auf Gesellschaft aus? Auf Gegner war er gefasst gewesen, vielleicht auf das stille Schreiben und auch wenn er gar nicht so genau daran denken mochte, dann vielleicht hatte er darauf gehofft, in eine Stimmung zu kommen, die dunkel genug war, um 'sie' wiederzusehen und mit 'ihr' zu sprechen. Wenn das sprechen war und nicht ein beginnendes Delirium der Agonie. Er war sich mehr als bewusst über seinen Zustand. Aber was gab es denn noch, woran es sich lohnte, festzuhalten? Wie viele Minuten er diesen trüben Gedanken nachhing, während sein Blick starr auf die Magierin gerichtet blieb, wusste er nicht. Er hätte auch nicht darauf geachtet.
Offenbar gelangweilt vom herumsitzen streckte sich die Elfe erst aus, ehe sie sich auf ihre Füße bequemte. Die Robe wurde sortiert und ihr Stab abschließend gerichtet, ehe sie sich zum Aufbruch bewegend in Richtung des Inselzentrums drehte. Sie stoppte kurz, als sie dort etwas Schemenhaftes erblickte, das neu und sicherlich keine Krabbe war. Dann aber setzte sie ihren vermutlich geplanten Weg aber doch fort. Ruhige, langsame Schritte. Ein Grund zur Eile bestand schließlich nicht.
Das hatte man davon, wenn man zu lange stand und starrte. Rhavandirs Mund schloss sich fester und unbewusst straffte er sich zu voller Größe. Er nahm Haltung an und sah der Sin'dorei entgegen. Was sonst blieb ihm übrig? Seine rechte Hand umgriff lose den schrägen Gurt, an dem seine Waffe befestigt war. Es war eine vollkommen natürliche und ruhige Geste, auch wenn er Anspannung ausstrahlte. Ebenso natürlich erfolgte der halblaute Abendgruß auf Thalassisch und wie schon bei ihrer ersten Begegnung deutete keinerlei Akzent auf seine Herkunft hin - nur das klangvolle der einzelnen Silben wies ihn als nicht gerade ungebildeten Rhetoriker aus.
"Nein, sieh mal einer an. Besuch. So weit draußen. Ich wünsche Euch auch einen schönen guten Abend. Was verschlägt denn Euch hier heraus?", sagte die Elfe ruhig, fast mit einem Lächeln in der Stimme. Mit Sicherheit sagen konnte man es nicht, da ihr Gesicht von der Maske fast vollständig bedeckt wurde. Auch wenn sie keine Plattenrüstung trug, wirkte ihre Rüstung schwer und doch etwas magisch aufgeladen. Was vermutlich schon allein an den leicht flammenden Kristallen liegen könnte. In dieser Form sah man ihr zumindest eher ihren Rang an als so, wie sie ihm beim ersten Mal begegnet war.
"Ein seltsamer Fleck auf der Karte, der ganz so aussah wie eine Insel", antwortete er in direkter Art und eben derselben Sprachmelodie. Kurz schloss sich sein Kiefer und man konnte sehen, dass er die Zähne aufeinanderpresste, bevor er fortfuhr. "Aber ich sehe, zumindest diese Insel hat einen Inhabitanten, auch wenn ich nicht annehme, dass ausgerechnet Ihr das seid." Der Satz enthielt eine unausgesprochene Frage. Dass sein direkter Blick der Magierin wenig auszumachen schien, hatte er beim letzten Mal schon festgestellt. Daran schien sich nichts geändert zu haben - ebensowenig an dem Eindruck, den sie bereits damals auf ihn hinterlassen hatte. Eine Frau fernab der Zivilisation, allein, musste sich zu wehren wissen. Ihr Aufzug bestätigte alles, was er sich dahingehend ausgemalt haben könnte aufs vorzüglichste. Selbst war er eher leicht als schwer gerüstet, doch das konnte immerhin täuschen. Beschläge waren allenthalben vorhanden, auch wenn das Groß seiner Kleidung aus maßgefertigten Lederteilen zu bestehen schien, die von Ruß und Asche tiefgrau gefärbt waren.
Die Elfe kicherte amüsiert auf und antwortete: "Da vermutet Ihr richtig. Eine kleine Außenstelle von Tortulanern. Was das Ganze hier soll, wollte er mir allerdings nicht erzählen. Dabei erzählen sie doch angeblich so gerne Geschichten." Sie winkte leicht mit der rechten Hand ab.
"Ich bin mir sicher, Ihr habt Euch bereits das ein oder andere zum Aufbau der Insel dazu gedacht." Das hintergründige Vermuten bildete sich nicht in seinen Worten, noch in seinem Tonfall ab, wohl aber in seiner Miene, die beredt davon sprach, dass er weder den Plauderton, noch die lapidare Geste oder gar die Frau unterschätzte. "Und Ihr? Was hat Euch hergetrieben?"
Die Frau überlegte kurz, schien dann aber gar ein schiefes Lächeln aufzusetzen, wie man an ihren Augen hätte vermuten können. Sie säuselte: "Ich suche etwas von vielleicht ausschlaggebender Bedeutung, von dem nicht einmal wirklich belegt ist, dass es existiert. Und das an wirklich jedem nur möglichen Platz auf Azeroth."
Ein Mundwinkel des Elfen zuckte - kurz - ob des Tonfalls. In keinster Weise war die Bewegung darauf ausgerichtet, ein Lächeln werden zu wollen. Eher wies sie auf erhöhte Aufmerksamkeit hin. Nicht aber Interesse. Es war mehr als offenkundig, dass dieser da versuchte, in allen Kleinigkeiten zu lesen, die ihm offenbart wurden. Langsam umwölkte sich das strahlende, stechende Azur der Augen. "So", bemerkte er knapp. Und verfiel wieder in Schweigen.
Nun lachte die Elfe doch wirklich auf, ehe sie sprach: "Der Mann der vielen Worte." Sie schüttelte leicht den Kopf und schlug wieder ihren normalen, freundlichen Tonfall an: "Nunja, immerhin wandere ich nur ziellos mit Ziel herum. Ihr scheint ausschließlich herumzuwandern offenbar."
"Ich denke, ich habe für mehr als ein Leben genug geredet", erwiderte der Elf, ohne allzu lange auf die Worte warten zu lassen. Auf die zweite Bemerkung ging er gar nicht ein. Langsam verlagerte er das Gewicht auf den rechten Fuß und das Strecken des linken Beins ging so seicht vonstatten, als sei er es gewohnt, Stunden auf derselben Stelle auszuharren.
"Was wohl maximal zwei wären, hm? Euer Vortodesleben und Euer jetziges. Ihr müsstet dringend unter redende Wesen. Das würde Eurer Laune sicher gut tun." Die Elfe pausierte wirklich nur kurz, ehe sie weitersprach. "Oh ich weiß. Ihr solltet mal die Tortulaner im Landesinneren besuchen! Sie haben sicher ein paar Geschichten, die sie auch teilen würden."
Beide Augenbrauen schlossen sich noch dichter über der Nasenwurzel zusammen und die beiden stets sichtbaren Falten vertieften sich zu schattenhaften Furchen. Rhavandir schüttelte angedeutet den Kopf. "Meine Laune ist ganz gewiss nicht von Redenden abhängig, Magierin." Wieder überging er Teile ihrer Bemerkung - was auf den ersten Blick flüchtig wirken mochte, war für den aufmerksamen Hörer unmittelbarer Bewusstheit zuzuordnen. "Aber ich möchte Eurem Redefluss nicht im Weg stehen. Ihr möchtet doch sicher Eure Worte auch mit dankbaren Gesprächspartnern teilen." Obwohl er einen Teil des Gedankens unausgesprochen ließ, war doch in Gänze klar, dass er sich nicht selbst damit meinen konnte. War das ein 'Entweder Ihr geht oder ich', das er da vermittelte? Es machte ganz den Anschein.
Die Elfe lachte amüsiert auf: "Oh es ist ganz interessant mit Euch. Ihr wäret sicher ein guter Reisebegleiter. Immer auf der Hut und nichts trauend. Dabei möchte ich Euch doch gar nichts Böses, denke ich. Aber wie Ihr möchtet. Wollt Ihr denn alleine hier zurück bleiben, oder soll ich Euch mit zurück in die Stadt nehmen?"
"Ich denke, wir halten es hübsch dabei, dass wir ganz wörtlich beide unserer eigenen Wege gehen, wohin auch immer sie führen mögen." Das war eine klare Ansage. Der Todesritter hatte ganz offenbar keinerlei Ambitionen, die Elfe darüber in Kenntnis zu setzen, wohin er sich bewegen wollte. Oder aber wo bleiben. Ein Wort des Dankes verkniff er sich. Das zuckende Verengen der Augen verriet den Anflug von unterdrücktem Zynismus und er macht keinen Hehl daraus, es etwa zu verstecken. "Ich gehe davon aus, Ihr findet Euren Weg ohne Schaden zu erleiden."
"Wie ihr wünscht. Dann habt einen sicheren Weg. Ich bin mir sicher, dass wir uns wieder über selbigen laufen werden." Sie zwinkerte einmal, ehe sie sich langsam abwandte und Anstalten machte zu gehen, sollte er es sich nicht in letzter Sekunde anders überlegen.
Von einem Umschwenken oder gar Umdenken war keine Spur. Er sagte nicht einmal etwas dazu, das auch nur den rudimentärsten Höflichkeitsregeln entsprochen hätte. Diese beinahe rohe Geste grenzte an Grobheit und auch diese war bewusst eingesetzt. Innerlich sehnte er sich nach Ruhe und nach seiner Schreibfeder - und heimlich war es das, was ihn am meisten von allen Erlebnissen dieses Tages verwunderte. Beinahe verstörte. Starr und stur lag sein Blick auf den abgewandten Schultern. Er würde sich nicht von der Stelle bewegen, bis die Sin'dorei mitsamt dem letzten Haar und Funken verschwunden war.
Die Elfe atmete tief durch, ehe sie ihre Arme ausgestreckt überkreuzte und die Augen schloss. Nach kurzer Zeit flammte unter ihr ein magischer Zirkel aus Feuer auf. Nur eine Sekunde später riss sie ihre Arme zu den Seiten auseinander und verschwand in einem, für so eine dunkle Nacht, hellen Lichtblitz.
Rhavandir musste die Augen schließen. Das grelle Licht hatte die Sin'dorei mit Sicherheit mit Absicht gewählt und gemäß Aktion und Reaktion konnte er ihr das nicht einmal verübeln. Es dauerte einen Augenblick, bevor sich die Dunkelsicht wieder einstellte. Fast, als würde das Feuer ihn noch ärgern wollen, blieben ein paar Glutstückchen auf dem Platz zurück. Aber auch diese verglommen sacht. Ob sich seine Laune einstellen würde, wagte er zu bezweifeln.
Zandalar
Tag neun des elften Mondlaufs im Jahr des neuen Krieges

A. Ich möchte annehmen, dass du dort, wo du jetzt bist, sehen kannst, was in meinem Dasein geschieht - selbst, wenn ich weiß, wie viel dir davon widerstreben würde. Was hättest du wohl zu dieser seltsamen Nacht und ihrer Begegnung gedacht?
Es sind immer diejenigen, die man am wenigsten am jeweiligen Ende der Welt erwartet, oder?
Und doch tauchen sie auf. Und nie sind wir vorbereitet. Können wir je auf das vorbereitet sein, was uns widerfährt? Je länger ich existiere, desto mehr möchte ich es bezweifeln.
Wie sehr ich mir wünsche, dass mir dereinst die Vergebung widerfährt, die ich noch immer nicht im Stande bin, mir selbst zu geben. Ich weiß, was du dazu sagen würdest, weil du es mir so oft gesagt hast, dass mir die Worte noch im Kopf klingen. Ob ich deine Reife je erreichen werde, stelle ich in Frage. Ich muss mir selbst vergeben, hast du gesagt. Für was - für alles. So einfach.
Es ist das Schwerste, das das Leben einem aufbürdet, in all seiner Simplizität. Wenn das doch nur so einfach wäre.
Ich möchte mich dagegen wehren, was diese Begegnung in mir aufgewühlt hat, und auch hier weiß ich, dass du sagen würdest, ich solle es kommen lassen und gehen wie einen tiefen Atemzug. Als ob ein Atemzug das fassen könnte. Dann mehrere, würdest du sagen. Bei allem was heilig und unheilig ist, wie lange soll ich atmen...
Allem voran war mir nicht bewusst, dass es da noch mehr Gesichter gibt, die meines kennen. Flüchtig nur vielleicht, aber immerhin. Wie wenig präsent solche oberflächlichen Begegnungen doch sind, wenn es ganz eigene Gesichter sind, die flammend vor dem inneren Auge stehen und all die anderen bei weitem überstrahlen. Ja, all die anderen verschwinden in der Dunkelheit.
Ich hege keine Hoffnung darauf, auch nur eines meiner besonderen wiederzusehen.
Unterstadt ist zerstört. Wie wahrscheinlich ist es.. ich mag den Gedanken nicht zu Ende führen - ich mag es gar nicht wissen. Und seines? Ich erinnere mich an diesen letzten Blick, und all die Blicke aus der Stunde zuvor. Sie sehen mich an, wenn ich die Augen schließe. Und deines.. ist schon lange unerreichbar. Wäre ich vor der Zeit erwachsen geworden, hätte ich was ich hatte zu schätzen gewusst, wie ich es heute weiß - wer weiß, wie mein Leben fortgegangen wäre.
Ich möchte daran glauben, es hätte einen besseren Verlauf genommen.
Doch dann wäre ich nie geworden, wer ich bin. Oder?
Allein, es hat keinen Belang mehr. Wirst du wieder zu mir kommen heute Nacht?
Bleib du bei mir und leuchte mir den Weg, wenn die Götter und Geister mich verlassen.


Katelyn Tarver - You don't know what it's like
https://www.youtube.com/watch?v=7a28XA9osvE
[Schuld]

Die Seite war lose, das Papier mehrfach gefaltet und so abgegriffen, dass es sich an den geknickten Kanten bereits aufzulösen begann. Es war einst von hoher Qualität gewesen und vielleicht war das der Grund dafür, dass es die Jahre überhaupt überdauert hatte. Zu dem Buch, in dem es gefaltet lag, gehörte es nicht. Die Schrift war zierlich, mit kleinen, runden Buchstaben und feinen Ober- und Unterlängen und beinahe gerade gesetzt. Nur manchmal neigte sich ein Schwung nach rechts. Die Tinte war so blass und bräunlich verfärbt, dass sie bereits vor Jahrzehnten getrocknet sein musste. Wenn diese Zeitspanne überhaupt reichte. Manche Zeilen waren verwischt, als sei Feuchtigkeit mit ihnen in Berührung gekommen. Möglicherweise aber auch Verschleiß.

Liebes Tagebuch.

Ich habe einen weiteren Tag überstanden. Ich schätze, ich muss gesagt haben: es geht mir gut, danke. Und: es geht mir gut, Dankeschön. Mindestens siebenunddreißig Mal. Schau, mir geht es gut, ich bin in Ordnung, versprochen. Und ich habe es kein einziges Mal so gemeint.
Der schlimmste Tag jemanden zu lieben ist der Tag, an dem du ihn verlierst.
Ich bin hoffnungslos, deprimiert, wütend, aber vorrangig habe ich ANGST. Ein Teil von mir möchte einfach, dass es aufhört. Aber dann wieder denke ich an meine Familie und dass ich alles bin, was ihnen noch bleibt. Wenn wir jemanden verlieren, wenn.. jemand stirbt, dann sind sie einfach WEG. Für immer. Und da ist nichts, da ist NICHTS, das wir tun können, das sie zurückbringt. Ich kann nicht. Ich kann das nicht tun. Ich kann nicht. Ich kann nicht weitermachen! Und ich will nicht mehr.
Wenn mich das schwach aussehen lässt, fein, dann bin ich eben schwach, aber..
Ich kann nicht damit umgehen.Ich kann nicht damit umgehen, dass du gegangen bist! Ich kann es nicht mehr ertragen, mich so zu fühlen..


Die lose Seite trug kein Datum, noch einen Ortsvermerk. Es war mehr als offenkundig, dass die Hand, die die Feder geführt hatte, nicht die des Besitzers des Buches gewesen war. Sie steckte wahllos zwischen den Seiten, irgendwo und irgendwann in das Buch geschoben. Vielleicht vergessen. Vielleicht auch nicht.

Zandalar
Tag neun des elften Mondlaufs im Jahr des neuen Krieges

Du warst da und so viele Bilder, Erinnerungen. Wenn ich halb die Augen schließe, kann ich dich sehen, wie du am Rande meines Blickfelds mein Bewusstsein streifst. So tröstlich. Und so viel Schuld. Ich werde nichts beschleunigen. Wir wissen, was geschehen wird. Obwohl wir uns nicht wiedersehen werden. Da wo du bist, werde ich nicht sein. Mein Schicksal habe ich selbst gesiegelt.
Es ist an der Zeit, die Dinge in Ordnung zu bringen, bevor ich nicht mehr dazu fähig bin.


An vollkommen verschiedenen Orten auf Azeroth stockten drei Paar Schritte nackter Füße. Sie hielten mitten im Gang inne, verhielten auf der Stelle und wankten, bevor die Knie und dann die Körper dumpf zu Boden schlugen. Was sie in Händen gehalten hatten, ging in Scherben, fiel mit ihnen, laut und leise, hart und weich. Mit einem leisen Klicken löste sich der reich verzierte, silberne Halsschmuck. Die milchweißen, blinden Augen starrten ins Leere und der violette Schimmer darin versiegte und erlosch.

https://www.youtube.com/watch?v=j7VGYlu8PZs
[Die letzte Seite]

Ich höre noch immer deine Stimme, aber ich weiß nicht, ob du es wirklich bist. So weit weg, aber aus irgendeinem Grund kann ich dich noch immer fühlen. Ich versuche, die Augen zu schließen, aber es hilft nicht, ich kann dich noch immer sehen. Es ist, als ob dein Geruch niemals verweht. Es ist hart, mir einzureden, dass das alles nicht da ist, weil es da ist. Entfaltet in der Luft um mich herum wie ein unsichtbarer Nebel. Ich erinnere mich noch an die Süße unseres ersten Kusses, als die Zeit selbst langsamer zu werden schien und ich nicht ein einziges Geräusch mehr wahrnehmen konnte. Ich hatte keinerlei Gedanken dafür übrig, was da gerade geschah, ich war einfach froh, dass mich letztlich ein Stückchen Glück gefunden hatte. In kaltem Schweiß hängen die Erinnerungen an dich an meiner Haut. Manchmal sind die Szenen so plastisch, so lebendig, dass ich mich fühle, als würde ich mich in der Vergangenheit verlieren und falls ich diese Augenblicke nicht wieder und wieder durchlebe, fürchte ich, die wenigen Bilder, die noch von dir übrig sind, ebenfalls zu verlieren. Und du, du würdest dich in nicht mehr als einen Geist verwandeln. Aber von all der Zeit, die wir miteinander verbracht haben, war es der Anfang, an den ich mich am deutlichsten erinnere. Das erste Mal, als ich dich zum Lächeln gebracht habe, fühlte sich an, als sei es der Wärme der Sonne gelungen, einen Weg in mein Inneres zu finden und dort - für eine Weile - zu bleiben. Ich könnte jetzt eine endlose Liste von Dingen versuchen zusammenzutragen, um es zu beschreiben, aber ich würde einem Meer der Worte versinken, so tief, dass es schwer wäre, den Kopf über Wasser zu behalten. Die sanfte Wärme deiner Lippen machte es mir schwer zu widerstehen und trotz all des vergangenen Elends, das uns in Splittern und Scherben zurückgelassen hatte, versprach ich, dich in all deiner Nichtperfektion zu lieben. In dem Augenblick, in dem mir deine Augen dankten, sah ich mich selbst in deren Reflektion und da erst realisierte ich, dass du dich für mich geöffnet hattest, wo nur wenige andere gewesen waren. Was einst in den Mantel der Dunkelheit eingehüllt gewesen war, wurde unvermittelt klar. Das war der Teil deiner Seele, in dem du alles versteckt gehalten hattest, was du je gefürchtet hast. Alles, was du je verloren hattest. All die Reue, die du begraben hast und all die vergessenen Erinnerungen. All die Nächte, in denen du so bitter geweint hast, dass es dir den Atem und die Stimme raubte, überrollt von Enttäuschungen und Selbstzweifeln über deine Entscheidungen. Ich weiß, wie schwer es ist, wenn jeder Schritt, den du tust, dich an alte Fehler erinnert. Wenn jede aufgesetzte Gleichgültigkeit und Kälte den Schmerz versteckt, den du wünschtest, wahllos mit etwas anderem ersetzen zu können außer einer neuerlichen Bürde. Das Frustrierendste an Gefühlen ist, dass sie so fragil sind. So unsicher. Sie erfordern Vertrauensvorschüsse. Wappne dich, es wird nicht immer gut ausgehen. Manchmal wirst du mit dem Kopf voran in den Dreck schlittern, um den Geschmack von Versagen zu kosten, aber letztlich wirst du lernen, keine Angst mehr zu haben.
Letztlich gibt es sehr wenige Dinge in dieser Welt, die flexibler sind als unser Geist.
Und seine Illusionen. Und weißt du, es ist wirklich ein fantastischer Ausblick auf diese Zukunft voller vibrierendem Leben, eine Zukunft voller so strahlender Farben, dass dein Herz sich aufschwingen will, als läge der Himmel selbst dir zu Füßen.
In diesem Traum werde ich auf dich warten, wo wir zum ersten Mal das Lied des Lebens wieder spüren und dessen Melodie mich stets zurücktragen wird. Zum Anfang.


Eingeklemmt zwischen die vielen, übrigen, leeren Seiten des Buchs steckte die zerzauste und schmutzig gewordene Schreibfeder des Verfassers. Das Buch selbst steckte fest. Es war in eine Spalte der hohen Felsen geklemmt worden, die die kleine Insel vor den Seewinden schützten. Wer auch immer es dort zurückgelassen hatte, er hatte es mit Absicht gut geborgen.

Sleeping at last - Already gone
https://www.youtube.com/watch?v=7vtatwxJ6Xo
[Was tot ist...]

Was tot ist, kann niemals sterben. Wenn es tot ist. Die Wahrheit war, alles konnte sterben, solange ein Funken Leben oder Unleben darin steckte, es war alles nur eine Frage der Definition. Ob ein Wesen erfüllt war von Licht, der Natur selbst, den arkanen Künsten, dem Fel, der Leere oder nekrotischer Magie, war gleich. Nahm man ihm den Wesenskern seines Antriebs, so blieb nur noch eine Hülle übrig, die zerstört werden konnte. Jede Strömung der Magie besaß ein Gegengewicht, das im Stande war, sie aufzuheben. Alles, das existierte, wiegte sich um das Gleichgewicht der Kräfte - ein ewiges Pendeln um die Perfektion.
Es gab diese Momente des absoluten Gleichgewichts, doch sie waren nicht in Sekunden zu messen. Alles war in Bewegung und es war unabdingbar, dass es sich bewegen musste. Stillstand bedeutete den Tod. Die bewusste Entscheidung für Stillstand bedeutete die bewusste Entscheidung zu sterben. Ein Wesen, das dem Leben näher stand als dem Tod, benötigte weitaus mehr dazu, einer solchen nachzukommen. Atmen war ein Reflex. Der Herzschlag war ein Reflex. Hunger, Durst, der Drang nach Vereinigung, all die niederen Triebe dienten der Selbsterhaltung. Nicht von ungefähr befand sich das Zentrum für all diese Dinge in einem Bereich, den das Bewusstsein das Gehirns nicht ohne Weiteres zu steuern imstande war. Töte die Triebe und du tötest den Antrieb. Ersetze die Triebe durch Programmierung und du wirst zur steuerbaren Hülle für den Willen, der dich lenkt. So einfach. So schwer.
Aufgeben war nie eine Option gewesen. Die einzige Option war der Kampf gegen die Agonie, gegen die Gleichgültigkeit, das Bewahren und Halten an den letzten Funken Leben. Dass es genauso ein Kampf sein würde, die andere Richtung einzuschlagen, kam überraschend. Kein Zorn oder Ärger wollte sich einstellen, lediglich die Überraschung darüber, dass all die niederen Reflexe so unerwartet stark dem Willen entgegenstanden, der doch so zwingend für so vieles andere gewesen war in all den Jahren und Jahren.
Wäre ihm nicht all das widerfahren, was ihm widerfahren war, dann möglicherweise hätte es ihn wütend gemacht, hilflos und fahrig. Auf sein Alter schob er es nicht. Die unerwartete Ruhe und Distanz, mit der er sich selbst wie aus dem eigenen Wesen entrückt betrachtete, kannte nur Verwunderung. Vielleicht war es eben das, was es ausmachte. Er hatte den Zugang zur Gleichgültigkeit verloren, wann, wusste er nicht, nur dass es so sein musste.
Es war die einzig logische Erklärung.
Und plötzlich, sehr plötzlich, zeichnete sich die Frage in sein Bewusstsein. Warum.

2WEI - Survivor
https://www.youtube.com/watch?v=JGuWb_81als
[Im Griff] - Part II

Das Schweigen, das auf die Frage folgte, tat beinahe weh. Und dauerte eine Ewigkeit an. Die Hände, in welchen sie zuvor ihr Gesicht begraben hatte, glitten langsam an jenem herab und offenbarten den überaus verwirrten Blick, mit welchem sie den Elfen neben sich nun anstarrte. Man sah ihr an, dass sie versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, ob er sie gerade auf den Arm nehmen wollte. "Huh?" sagte sie dann nur und blinzelte ihn an. Sie setzte sich langsam auf, die Beine im Schneidersitz, den Blick noch immer auf Oona gerichtet. "Was soll die Frage?" Die Verwirrung wich langsam, stattdessen machte sich so etwas wie Ärger in ihrem Ausdruck breit.
Der Dämonenjäger sah nicht so aus, als würde er scherzen. Er hob eine Braue an und wiederholte die Frage, langsamer, so als hätte er es mit verschiedenen Sprachen zu tun, die einer geistigen Übersetzung bedürften. Wusste der Geier, was ihn dazu bewogen hatte. Aeshma jedenfalls wusste es nicht und allmählich war es Oonayepheton, der vor lauter Geschrei in seinem Kopf eine Wortwiederholung im Außen brauchen würde.
"Nein!" entgegnete sie ihm empört. Dabei entglitt ihr die Stimme ein wenig, wodurch sie sich etwas quietschig anhörte. Mit der rechten Hand griff sie nach dem freien Kissen hinter sich und schleuderte dieses dem Dämonenjäger mitten ins Gesicht. "Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich bin nicht für ne schnelle Nummer zwischendurch zu haben."
Sie warf Oona einen gekonnt bösen Blick zu, ehe sie sich herumdrehte, ihm den Rücken zukehrte und sich daran machte, ihre am Abend zuvor abgelegten Rüstungsteile wieder anzulegen.
Das Kissen abzufangen war ein flüssiger Reflex. Er legte es wieder beiseite und Linndriel konnte den seltsamen Blick im Nacken spüren, der auf ihr lastete. "Kein Grund zu grollen", erwiderte er beinahe freundlich. "Der Punkt ist", und jetzt konnte sie das Lächeln hören, "ich schon. Dann und wann. Hätte ja sein können."
Er verschränkte beide Arme hinter dem Kopf und schlug die Knöchel übereinander. Beobachten tat er sie dennoch. Aeshma blendete er vollkommen aus. Irgendwann würde der Dämon aufgeben. Deal war Deal.
"Das war mir bewusst. Irgendwie", murmelte die Elfe leise, aber dennoch hörbar, höchst beschäftigt damit, an ihren Stiefeln herumzunesteln. Linndriels schmaler Rücken, das einzige, das der Elf gerade von ihr zu Gesicht bekam, hatte etwas sehr verletzliches an sich. Zierlich, als könnte er schwere Lasten nicht lange tragen, ohne zu zerbrechen.
Die Braue hob sich ungesehen noch ein wenig höher. "Klingt nicht so, als würdest du das befürworten." Das Lächeln war geschwunden, aber sein Tonfall klang noch immer freundlich, beinahe milde.
"Für mich ist das etwas besonderes, nichts um sich die Zeit zu vertreiben oder für ein bisschen Spaß oder was auch immer. " Sie war fertig damit, ihre Stiefel zuzuschnüren und drehte sich nun wieder zu Oona um. Ihr Blick war schwierig zu deuten, allerdings schien die aufsteigende Wut bereits wieder abgeklungen, wirkte sie nun eher bedröppelt als verärgert. Mit einer Hand strich sie sich die ins Gesicht gefallenen Locken beiseite und seufzte leise.
"Macht es das weniger besonders, wenn es die Zeit vertreibt oder Spaß macht?" Die Frage war kein Scherz. Er schien jedes Wort vollkommen ernst zu meinen. So ruhig er im Außen wirkte so sehr kämpfte er damit, seinen Dämon im Zaum zu halten. Er wollte nicht, dass der sich auf die übliche Art und Weise einmischte. Weswegen, konnte er gar nicht wirklich sagen. Vielleicht, weil er gewollt werden wollte. Ohne Zwang. Ausnahmsweise. Aber das hätte er nicht einmal zugegeben, wenn ihm bei lebendigem Leib das Kochen und Abziehen der Haut gedroht hätte.
Linndriel schien einen Augenblick lang ernsthaft über die Frage nachzudenken, ehe sie antwortete. "Ich... Nein, aber ich glaube einfach, dass es für mich eine vollkommen andere Bedeutung als für dich hätte und das... Naja. Gefühle und sowas. Du weißt schon." Irgendetwas hatte sie aus dem Konzept gebracht. Sie warf Oona noch einmal einen komischen Blick zu und ließ sich dann wieder rücklings aufs Bett, fallen, die bestiefelten Füße auf dem Boden stehend.
"Ah hmm, du unterstellst mir also, dass ich keine Gefühle dabei habe." Der seichte Spott war wohlwollender Natur. Dann schwenkte der Tonfall um. Unvermittelt war er wieder ernsthaft. "Bist du überhaupt schon einmal berührt worden?" Der Dämonenjäger schien keinerlei Intimitätsgrenzen zu kennen. Die Direktheit, die seit der ersten Frage Einzug gehalten hatte, behielt er bei. Er macht keinerlei Anstalten, sie anzufassen und wahrte die Distanz, die die Elfe selbst wählte, mit Mühelosigkeit. Aeshma seinerseits hatte er vollkommen zum Schweigen gebracht.
"Ich weiß es nicht, hättest du Gefühle dabei?" Sie drehte sich auf den Bauch herum, winkelte die Beine an und stützte ihr Kinn in die Hände, während sie Oonas ernsten 'Blick' erwiderte. "Ich bitte dich, nur weil ich nicht mit dir ins Bett steige, bin ich noch lange nicht prüde.. es gab da schon Mal welche. Aber es war scheinbar nicht das richtige, sonst wäre ich jetzt nicht alleine."
Jetzt ruckte die zweite Braue ebenfalls in die gute Gesellschaft der ersten, bevor beide dicht über der Augenbinde zusammenschossen. Er griff sich mit der linken Hand ans Herz und verzog das Gesicht, als habe ihn etwas schmerzlich getroffen. Das scharfe Lufteinziehen unterstrich die theatralische Geste. Er ließ sich Zeit damit, sie wirken zu lassen, und löste den Gesichtsausdruck nur langsam wieder auf. "Interessant." Das war alles, was er danach trocken dazu bemerkte.
"Interessant?" Nun war es an ihr, eine Braue zu heben und Oona fragend anzublicken. Dass er sich auch immer alles aus der Nase ziehen lassen musste. Sie streckte die Hand aus und boxte ihm sachte mit der Faust gegen die Wade, die einzige Stelle, die sie erreichen konnte, ohne sich von der
Stelle zu bewegen. "Was meinst du damit?" Die zur Faust geballte Hand löst sich langsam und die dünnen Finger glitten an dem beinverhüllenden Stoff herunter, wo sie auf dem dünnen Laken verharrten.
"Deine Wortwahl. Prüde. Ein ziemlich verurteilendes Wort. Schonmal so genannt worden? Wäre mir nämlich nicht eingefallen. Du wirkst genau so auf mich, wie ich gesagt habe. Unberührt." Un-ge-rührt sagte er das. Sie konnte seinen Blick abweichen spüren, nur minimal drehte sich das Gesicht ihrer Hand nach, aber er ließ es geschehen, ohne zu intervenieren.
Die Finger neben Oonas Bein spielten mit dem Laken, den Blick auf das Stück Stoff in Oonas Gesicht gerichtet, sich zum wiederholten Male wünschend, sie könnte ihm in die Augen blicken und erkennen, was sich dahinter verbarg. Sie wusste nicht so recht auf seine Worte zu antworten, weshalb es eine Weile dauerte, ehe sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen. "Ich dachte darauf wolltest du anspielen."
"Prüderie hat nichts mit Erfahrungswerten zu tun." Der Fokus kehrte unsichtbar, aber spürbar und intensiver zurück. "Ist ziemlich mies, jemanden so nennen, nur weil man keinen Stich landen kann." Er deutete ein Schulterzucken an. Dann schwenkte der Tonfall um und Neugier stand ihm ebenso ins Gesicht geschrieben wie absolute Gewissheit. "Du hattest solche Gedanken aber bereits. Bezüglich meiner Person und meines Körpers." Er fragte nicht, ob es vielleicht auch anders gewesen sein könnte. "Was hast du dir da ausgemalt?" Die Frage war schamlos. Das Lächeln dazu ein gewinnendes - und es hatte nichts impertinentes. Es wirkte sympathisch und so rücksichtslos er gefragt hatte, so harmlos wirkte seine ganze Haltung.
Linndriel entglitten die Gesichtszüge ein wenig. Augenblicklich schoss ihr die Röte in die Wangen, denn im Gegensatz zu dem Dämonenjäger besaß sie ein ziemlich deutliches Schamgefühl. Langsam zog sie die Hand, welche zuvor noch vor seinem Bein verharrte, wieder zurück und fuhr sich bemüht beiläufig über die heißen Wangen. "Ich habe mir gar nichts ausgemalt, Doofkopf." Ihre Stimme war zu einem undeutlichen Nuscheln geworden und ihr Verhalten ziemlich auffällig. Selbst ein Blinder hätte gesehen, dass sie versuchte der Frage zu entkommen.
Oonayepheton biss sich auf die Lippen und presste sie noch einen weiteren Augenblick aufeinander, um sich ein etwaiges Lachen zu verkneifen. Man konnte es dennoch hören, als er antwortete. "Doch hast du. Ist doch nichts dabei. Du willst nicht drüber reden, hm? Muss dir nicht peinlich sein." Von der Farbe ihrer Wangen sah er nichts, nur dass ihre Hautfarbe dunkler wurde - der Herzschlag schneller und ihre Wärmesignatur sich anders verteilte. Dann lachte er doch sein lautloses blitzendes Lachen und unvermittelt, aber nicht allzu schnell, rutschte er ins Sitzen, beugte sich nach vorn und pflückte ihr die Hand aus dem Gesicht. "Nicht verstecken." Der sanfte Tadel ging in ein weiches Lächeln über und ihre Hand hielt er mit Zeige- und Mittelfinger lose in der Luft. "Also?" Lockerlassen war keine seiner Stärken.
"Warum tust du mir das an?" jammernd vergrub sie den Kopf nun im Laken, wenn schon nicht in den Händen. Ein leises quietschen war zu vernehmen, offenbar schrie sie in die Tiefen der Matratze hinein. Als sie ihren Kopf wieder anhob, wirkte sie etwas aus der Puste. Und noch röter als zuvor. "Was hast du dir denn vorgestellt, hm?" Eine Gegenfrage, von der sie direkt nachdem sie sie ausgesprochen hatte wusste, dass sie sie besser nicht gestellt hätte. "Nein, sag besser nichts", warf sie schnell nach, entzog ihre Hand seinem Griff und drehte sich vom Bauch zurück auf den Rücken. Sie schloss die Augen und versuchte tief durchzuatmen.
"Was ich mir vorgestellt habe, was du dir vielleicht vorgestellt hast?" Den kleinen Anfall hatte er zunächst abgewartet, aber sein Tonfall klang deutlich belustigt, wenn auch nicht auf die bösartige Art und Weise. "Ich weiß nicht? Ich denke nicht viel nach - darüber, was andere denken. Ich frage lieber." Die Stichelei klang heraus. Und er nahm die Hand langsam zurück. Seinen unsichtbaren Blick konnte Linndriel nach wie vor spüren wie ein Leuchtfeuer.
"Ist es nicht eigentlich ziemlich arrogant von dir davon auszugehen, dass ich mir überhaupt etwas mit dir vorgestellt habe? Vielleicht finde ich dich ja auch überhaupt nicht attraktiv." Die Augen waren noch immer geschlossen und die Röte wich langsam aus ihrem Gesicht. Linndriel verschränkte fast instinktiv die Arme vor der Brust.
"Nein", lautete dann doch tatsächlich die Antwort. Und die Erläuterung ließ nicht lang auf sich warten. "Dein Körper verrät dich. Die ein oder andere kleine Geste oder Reaktion. Also.. sollte ich dir mit meiner ersten Frage zu nahe getreten sein, dann tut es mir leid, aber ich dachte, ich hätte die Signale richtig aufgefangen. Wie nun der einzelne damit umzugehen pflegt, ob du dir vielleicht eine blumigere Umwerbung vorgestellt hättest.. das allerdings sagt mir dein Körper nicht. Nur dass du nicht abgeneigt gewesen wärst." Der Halbdämon mit dem Erscheinungsbild eines Elfen klang ernsthaft und ebenso ernsthaft zuckte ein flüchtiges Lächeln ungesehen über seine Züge, bevor es wieder verschwand.
"Es interessiert mich tatsächlich, welche Phantasien dich beschäftigen. Vielleicht kann ich ja etwas lernen?"
"Du bist heute ganz schön anstrengend, weißt du das eigentlich?" Die Augen wurden wieder geöffnet und genervt schielte sie zu ihm hinauf. "Was tun meine Phantasien überhaupt zur Sache? Phantasien finden doch am Ende eh nur im Kopf statt, dann können sie doch auch dort bleiben." Sie verzog das Gesicht zu einer Mischung aus einem Schmollen und einem verzweifelten Hilferuf und schien zu den Göttern zu beten, dass Oona irgendwann Ruhe geben würde.
Der Laut, irgendeine Mischung zwischen Summen und Lachen, klang äußerst gut gelaunt und so sah er auch aus, bevor er auf die Knie rutschte, die Hände rechts und links von ihrem Kopf platzierte und sich über sie beugte, so dass sie sich ihm spiegelverkehrt gegenübersah. Schielen konnte sie so weiterhin, dieses Mal aber nicht, weil sie die Augen nach ihm verdrehen musste, sondern weil nur noch eine Handbreit Abstand zwischen ihrer beiden Nasen verblieben war. "Eigentlich", sagte er langsam und leise und seine Stimme hatte einen samtigen und weichen Unterton, "finde ich mich gar nicht so anstrengend." Sein lose gebundener Zopf war nach vorn gefallen und baumelte über seine linke Schulter. Erst jetzt fiel auf, wie lang er wirklich war - oder lag es doch an der plötzlichen Distanzlosigkeit? Oonas Mund lächelte - kurz. Dann war es nur noch der flüchtige Atem, der die Luft zwischen ihren Gesichtern verband.
Die Augen der Elfe weiteten sich zu der Größe eines Balls, als Oona sich auf einmal über sie beugte. Mit aller Kraft versuchte sie, sich in das Bett zu drücken und, wenn auch nur einen Hauch, Distanz zwischen ihnen zu schaffen. Nicht, weil es ihr unangenehm war, ihm nahe zu sein, sondern, weil sie krampfhaft versuchte, zu widerstehen. Und natürlich wollte sie ihm nicht die Gunst des Sieges gönnen. "Du bist so ziemlich der anstrengendste Kerl, der mir je begegnet ist", erwiderte sie mit ebensolcher samtweichen Tonlage. Sie starrte einfach nur zu ihm hinauf, der Körper angespannter als ein Brett. Ihre Lippen waren einen Fingerbreit geöffnet und das Herz schlug so laut, dass es wohl noch vor der Tür zu hören sein musste.
"Wie anstrengend .. genau?" Er dehnte die Silben, während sein Gesicht den Abstand, den sie zu gewinnen suchte, kontinuierlich verringerte. Die Zeit bog sich unter dem Auskosten jedes einzelnen Mikrometers, den sein Nachrücken vernichtete. "Sehr..? Sehr-sehr..? Oder... Sehr-sehr-sehr?" Mit der letzten Silbe war es beinahe so, als würde die Bewegung seiner Unterlippe bereits an ihrem Mund zu spüren sein. Seine Haarspitzen streiften erst und legten sich dann über ihre Schulter ab.
"Höllisch... anstrengend." Der innere Kampf, der soeben in ihr stattfand, neigte sich dem Ende zu und sie würde verlieren. Sie hätte sich der Situation noch entziehen können, doch wollte sie das wirklich? Er war verdammt verführerisch. Und es hatte sie bereits das eine oder andere Mal Überwindung gekostet, sich nicht darauf einzulassen, aber jetzt? Sie griff mit der Hand nach dem Zopf, ließ das Haar sacht durch ihre dünnen Finger gleiten und spielte für den Hauch einer Sekunde daran herum, bis sie vorsichtig aber dennoch bestimmt daran zog, um die letzten Millimeter, die ihre Lippen voneinander trennten, zu überwinden.
Und abermals war es ein winziger Laut, gezielt und bewusst den Genuss der Lage intonierend, den er von sich gab und in den Kuss fließen und ersticken ließ. Ihr Wortspiel sagte seinem Intellekt ebenso zu wie der triumphale Sieg über ihr Schamgefühl. Sollte sich hinter der unbeschrieben wirkenden Fassade doch eine Untiefe finden lassen, so würde er sie ergründen. Selbst Aeshma sandte so etwas wie flüchtige Zustimmung - und Interesse - aus.
Er ließ sich Zeit und beschränkte sich feinsinnig auf das Erspüren ihres Willens und ihrer Reaktionen. Mochte er auch auf dem Parkett keine zwei geraden Schritte nacheinander vollführen können, es gab Tänze wie eben diesen, die er virtuos zu meistern verstand.

Hozier - Take me to Church
https://www.youtube.com/watch?v=PVjiKRfKpPI
...Arhythmie war eine ebensolche Kunst wie Takt. Sie befeuerte Wahnsinn und Chaos. Das [...] mochte Zufall sein. Vielleicht aber auch nicht.
Free (feat. Svrcina) // Produced by Tommee Profitt
https://www.youtube.com/watch?v=uyxr9qcQHqM

Nimm an der Unterhaltung teil!

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