[Allianz/Horde] Die Aspekte des Windes

Die Aldor
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Neue Wege!

Es ist ein höchst seltsames Gefühl, in eine neue Welt zu gehen und direkt mit einer vollkommen fremden Situation konfrontiert zu werden. Als Schülerin bin ich dazu verpflichtet mein Wissen den Lehren meines Meisters entsprechend anzuwenden und mich selbstständig weiter zu entwickeln, um eines Tages meinen eigenen Pfad zu beschreiten.

Als wir an der Bergspitze nahe des Talüberganges vom Sturmsangtal rasteten, ahnte niemand von uns, dass Meister Windpfote uns von jetzt auf gleich verlassen würde...
Der Orden des Windes hatte ihn zurück in die Heimat gerufen und es war selbstverständlich, dass er seinen Pflichten nachkommen würde. Doch ohne ein weiteres Wort oder gar Instruktionen, wie es mit meiner Ausbildung weitergehen würde, war mir das Schicksal einer Gruppe anvertraut worden, welche selbst seit kurzem keine Einheit bildete… welch durcheinander.
Faralon, der von Hass förmlich zerfressen nach dem Tod der Horde trachtete und sich nur widerwillig auf mein Handeln einließ. Duffarik, der ebenso dem Kampf entgegensehnt und durch seinen Freund ständig angestachelt wird… der Rest, der verunsichert wurde, welchen Weg wir als nächstes einschlagen und ob sie sich selbst ohne den Meister zurechtfinden würden, mit ihren Gedanken um die Zukunft dieser Reise kämpfend.

Meine Rolle hier war im Grunde nichts Neues für mich, so habe ich diese Gruppe schon einmal führen müssen und dies in einer Konfrontation, welche beinahe das Leben eines damaligen Mitreisenden gekostet hatte. Und doch war sie für mich die härteste Herausforderung, der ich mich nun fortan stellen musste.
Ich weiß nicht, ob ich dieser gewachsen bin, doch hoffe ich, dass ich im besten Sinne und zum Wohle meiner Gruppe handeln werde.

Und als wollten die Erhabenen mich auf die Probe stellen, geschah etwas, das niemand von uns auch nur annähernd hätte erahnen können,… was in Yu’lons Namen ist dieses Wesen nur?...
Neue Wege - das Sturmsangtal

Erst stellte er sich als hilfesuchender Bewohner des Tals vor. Niemand wusste warum oder wie dieser Mensch in sein Unglück verfiel, doch... war die uns vorgegauckelte Situation eine Illusion. Das "Ding" in welches sich dieser angebliche Mensch verwandelte ähnelte einem Oktopus auf Beinen. Es griff uns an, rief ständig etwas davon, dass wir dienen müssten, dem Willen der Königin folgen... es ging alles so schnell und ehe ich mich versah, verscham meine Warnehmung und ich bekam keine Luft mehr. Eine Wasserkugel hatte sich um meinen Kopf gebildet, schnitt mir die Luft ab, lies sich nicht abschütteln und beraubte mich jeglicher Ruhe. Panik überfiel meinen Geist, alles vor mir verschwamm und ich kämpfte, hielt meine Pfoten an den Hals, rang nach Luft, doch füllten sie sich nur mit noch mehr Wasser. Warum? War dies auch eine Illusion? Ich taumelte, versuchte diesen Zauber oder was es war in meiner Panik abzuschütteln, welch dummer Versuch, doch konnte ich nicht mehr klar denken, mir nicht mehr helfen. War dies mein Ende? Dann... verlor ich das Bewusstsein.

"Yiang? YIANG! Wach doch auf!" Eine Stimme erklang in meinen Ohren. Erst weit entfernt, dann immer näher... war ich tot?
"Yiang, hörst du mich? Komm wieder zu dir!" Jemand rüttelte an mir. Ich öffnete die Augen und erblickte Ahkari. Sie war über mich gebeugt und blickte besorgt auf mich herab.
Es war vorbei, dieses Wesen,... es war tot und in unmittelbarer Nähe von ihr stand, eine mir unbekannte Person. Groß, stark gebaut, von Runen überzogen und äußerlich niemandem ähnlich, den ich je hab kennen lernen dürfen. Wer war er?
"Was ist passiert?" langsam und mit Ahkaris Hilfe rappelte ich mich auf. Sie schien erleichtert, mich noch am Leben zu wissen.
"Dieses Wesen wurde von dem Mann hier getötet, du und Faralon wart beide bewusstlos geworden, ich dachte schon, es wäre um euch geschehen. Wenn er nicht eingeschritten hätte, dann wärt ihr vermutlich auch tot."
Der uns unbekannte Mann hieß Jack, er war wohl eine Art Kopfgeldjäger. Offenbar waren wir auf seine "Beute" gestoßen und unglücklicherweise Opfer dieses Wesens geworden. Mehrere Gegenstände, deren Herkunft ich lieber nicht erfragen wollte, baumelten in einem blutgetränkten Sack an Jacks Hüfte.
Ich dankte ihm für sein Einschreiten und bot ihm an uns eine Weile zu begleiten, um mehr über dieses Wesen zu lernen, welches uns angriff. Auch, wenn er das Angebot für seine Person im ersten Moment nicht besonders sinnig empfand, willigte er ein und gemeinsam machten wir uns auf den Weg in das nahegelegene Brennadam. Zwar gefiel mir der Gedanke nicht, jemanden mit einem blutigen Geschäft bei uns zu wissen, doch was, wenn wir erneut auf einen dieser "Dinger" treffen würden?

Die laune von Faralon, der ebenso wie ich fast "ertrunken" wäre, schien sich aufgrund der Ereignisse und dem auftreten des Wesens weiter zu verschlechtern. Sein Hass und seine Verbitterung... wird ihm eines Tages zum Verhängnis werden.
Mihari - Teil 1

"Mi-hari bedeutet Wächter."

Sie hatte die Stimme ihrer Mutter im Ohr. Sie war schroff, wie das Land aus
dem sie kam. Schroff, wenn sie mit dem Krämer sprach, um Preise feilschte,
welcher die wenigen Waren betraf, die in seinem Angebot waren. Eine
sanftere, liebevolle Note mischte sich erst dann in ihre Worte hinein, wenn sie
mit ihr redete, ihrer jüngsten Tochter erklärte, was es mit der Namensgebung
der Eltern für ihre Kinder auf sich hatte. Eine alte Tradition, die sich längst in
den vielen Generationen der Pandaren verankert hatte, und nicht nur hier in
Gebrauch war, sondern sich auch bis weit in die flachen Lande hinab
erstreckte, bis hin zur Küste und den Fischerdörfern im Süden.

Wie auch hier oben, in ihrem kleinen Dorf in den schneebedeckten Bergen. Es
war abgeschieden, lag es doch weit in den rauen Klippen der nördlichen
Ausläufer verborgen, und wurde dazu gänzlich unerreichbar, setzte in den
Wintermonden der große Schneefall ein, welcher die Pässe blockierte und sie
zu einer isolierten Kommune werden ließ.
Mihari dachte gerne daran zurück. Sie hatte es noch vor dem inneren Auge,
wie auch die Stimme der Mutter im Ohr, und das in Erwartung auf Fressen
ungeduldige Maunzen von Pauro, des schwarzen Hauskaters, der ihnen an
einem verschneiten Abend zugelaufen war.

An manchen Tagen sah sie den Kellereingang in die Höhlengrube hinter
ihrem Haus vor sich, wo sie in versiegelten Fässern gegorenen Reis und
andere Proviantlagerungen für den Winter angesammelt hatten. Das Gewicht
des schweren Holzfasses in ihren Armen, welches sie vor dem Abendessen
hinein ins Haus wuchten musste, um innen mit einem schnappenden
Geräusch den Deckel zu öffnen, und den essighaltigen Geruch in die Nase zu
ziehen.
Die Dörfler, die sich um den Essenskarren beim Marktplatz scharrten,
die alten Mütterchen mit Körben aus dürrem Reisig und anderem
Zundmaterial, auf ihrem knirschenden Weg durch den sich angestauten
Schnee. Manchmal schmeckte sie das Wasser der Gebirgsklamm auf ihren
Lippen, an dessen flach zulaufendem Bett – dort wo sich die engen
Klammwände teilten – die mit schillerndem Schuppenkleid und pfeilförmig
im Wasser stehenden Forellen zu sehen und zu erbeuten waren.
Mihari wusste um die Erinnerungen an ihr Dorf, an ihre Mutter und ihren
Vater, und besonders auch an Pauro, der an den Tagen, in denen das
Feuerholz knapp war, unter die Matte ihres niederen Bettes gekrochen kam.
Sie wusste um die Wege in den Berg hinein, hoch oben bis zu den Spitzen hin,
auf verschlungenen geheimen Pfaden und Wegen, welche sie zu ihren eigenen
Pfaden gemacht hatte, über die Jahre hinweg. Dort war sie allein und für sich,
mit niemandem sonst außer den blassen gelbfarbenen Bergblumen, die sich
an die kahlen und mit Raureif bedeckten Steinplatten klammerten. An
Stellen, wo sie das Wasser unter dem Stein entspringen und gluckern hören
konnte, fühlte sie sich glücklich. Sie trocknete ihr Fell im Unterstand einiger
Überhänge, strich ihre vom Klettern fasrig gewordene Robe frei vom Frost
und ließ sich nieder. Aß sitzend und mit angezogenen Beinen die von daheim
mitgebrachten, getrocknete Früchte, und hatte die Stimme ihrer Mutter im
Ohr.

"Mi-hari heißt Wächter, mein liebes Kind. Alle Pandarenkinder sind nach den
Wünschen ihrer Mütter benannt, dass du es weißt. Vergiss es nicht, denn es
ist wichtig, hörst du? Als ich dich geboren habe, stand der Schnee hoch auf
dem Pass, und unser Fluss neben dem Dorf war mit dickem Eis bedeckt, ich
weiß es noch. Ich habe vom Fenster aus die Blumen gesehen, die wenigen die
zu dieser Jahreszeit noch dort waren und über den Schnee hinaus ragten. In
der Nacht konnte ich oben in der Höhe das Leuchten einer Flamme zwischen
den Schluchten sehen. Weißt du, dass unser Dorf einen Schutzgeist hat? Als
ich sein Leuchten gesehen habe, und die helle Flamme oben im Berg, wusste
ich, wie ich dich nennen soll. Denk daran, wenn du selbst einmal groß
geworden bist."
Mihari - Teil 2

Der dritte Tag, an dem Pauro nicht wie üblich zur Abenddämmerung heimgekehrt war.

Ihre anfängliche Besorgnis verlief schleichend. Zunächst hatte sich Mihari damit beruhigt, dass der schwarze Hauskater auf einen andauernden Streunerausflug zwischen den nahen Bergklippen verschwunden war, welche ihr Dorf umgaben. Am Ende des zweiten Tages hatte sich diese Beruhigung in neu aufkeimende Unsicherheit gewandelt, welche mit der Folge des dritten Tages vollends ausreifte. Sie hatte bereits gestern einen kurzen Augenblick damit verbracht, Pfotenspuren im Schnee um ihr Haus am Rande der pandarischen Bergsiedlung zu suchen, und bald feststellen müssen, dass die Schneewehen und der neu gefallene Frost aus dem sonst steten Ein- und Auskehren des Katers ein nicht nachvollziehbares Wirrwarr gemacht hatten.

Am Morgen des vierten Tages beschloss Mihari, das verloren geglaubte Familienmitglied auf den ihr vertrauten Wegen in die Berge hinein zu suchen. Sie nahm sich eine kalte Mahlzeit mit, die sie am Abend zuvor mit Hilfe ihrer Mutter zubereitet hatte, und nun in einer Holzschachtel verstaut
bei sich trug, ebenso wie ihren persönlich ausgesuchten Kletterstab aus krummen Holz, und etwas vom süßen Pflaumensaft gegen den Durst. Dazu, in eine Innentasche ihrer Robe gestopft, ein paar der getrockneten Leckereien, welche ihre Familie aus Fischhäuten herstellte. Pauro hatte sie oft in vergangenen Tagen um eine Spende dieser Mahlzeit angebettelt, und sie hoffte den entwischten Freund damit locken zu können. So gerüstet fand sich das junge Pandarenmädchen bald über die Klamm hinaus in der Berglandschaft wieder. Sie hatte den Kater, der hier oben ein freizügiges Revier verwaltete, bereits einmal so weit kommen sehen, an einem ihrer Kletterausflüge.

Abseits von ihrem Weg schroffen sich die mit Schnee schwer beladenen Hänge aus schwarzem Stein auf, und schienen ihren Pfad wie einen natürlich geformten Tunnel zu beherbergen. Sie kaute in einer dicken Backe etwas von ihrem gegorenen Reis, rieb sich die Hände frei von der Kälte und der Rauheit ihres Stabes, und setzte ihren Weg fort. In ihrer kindlichen Entschlossenheit war sie sich sicher, den Kater finden zu können, wenn sie nur lange genug nach ihm suchen würde. Dass der geschickten Pelznase gar etwas zugestoßen sein mochte hielt sie für ausgeschlossen. Sie hatte seine Flinkheit beim Jagen und Spielen selbst erlebt, und der Gedanke an etwas Anderes kam ihr nicht.
Ihre Vermutung bestätigte sich, als sie weiter den Weg entlang an einer Stelle meinte, ein von den Klippen wiederkommendes Maunzen zu vernehmen, welches sie inne halten und aufhorchen ließ. Sich wegen dem Schall und der Verwirrung des Klangs im Berg orientierend sah sie umher, schnaufte neu angetrieben und setzte ihren Weg fort.

Da die Sonne zwischen den Wolken, dem Nebel und den auftürmenden Berghängen nur selten zum Vorschein kam, hatte Mihari nach einem weiteren Stück Weg bald kein Gefühl mehr dafür, wie viel Zeit vergangen war. Erst, als sie an einer Stelle inne hielt, mit tauben Fingern ihren Trinkbeutel griff und den eiskalten Pflaumensaft die Kehle hinab gluckern ließ, sah sie über die Schulter zurück und musste feststellen, dass sie nicht nur von allen Wegen abgekommen war, die ihr vertraut erschienen, sondern dass sie auch weit mehr Strecke zurück gelegt hatte als gedacht. Immer wieder schien ihr Wind und Wetterspiel über ihrem Kopf im Berg das ein oder andere Katergeräusch in ihr Ohr zu setzen, und bedrückende Zögerlichkeit sank auf sie hinab.

Dann, als sie endlich umkehren und sich im Kopf entschuldigende Worte für ihre Mutter zurechtlegen wollte, sah sie den kleinen Kater auf einem Überhang, gute zwanzig Schritt erhöht von ihrem Weg, mitten im Nirgendwo hervor spitzen. „Pauro!“ rief sie ihn in einem Moment haltloser Überraschung an, und der Kater gab ihr Antwort, indem er sein Mäulchen öffnete und die Zunge wie im Gähnen herausrollen ließ. Der Schnee klebte in seinem Fell, wie auch in ihrem.
Ohne nachzudenken warf Mihari ihren Wanderstab neben sich, und begann die steile Schneeverwehung neben ihrem Weg hinauf zu klettern, ihre Hände scharrend in den Schnee hinein grabend. „Pauro, komm zu mir!“ rief sie ihn wieder an, und drückte ihre Sohlen tief in den knarzenden Untergrund hinein.

Dort oben, über der Kuppe, hatte sie ihn sitzen sehen. Schnaufend und mit atemlosen Ächzen wühlte sie sich durch den Schnee weiter hinauf, bis sie die Kuppe überwand, und den Kopf reckte, nach ihrem Freund Ausschau haltend. Beide Pranken in den beißenden Schnee gedrückt, den Körper in die Senke übergeneigt, die sich nach der Kuppe der Anhöhe ergab. So von dem
Gedanken an die Rettung des Katers eingenommen spürte Mihari nicht, wie der Halt unter ihren tauben Fingerspitzen nachgab – und als der Boden des Bergs sich vor ihr öffnete und die Kuppenspitze mit ihr zusammen in die sich auftuende Schwärze fiel, trieb ihr der rauschende Wind im Fallen das Maunzen eines Katers an die Ohren.
Mihari - Teil 3

Das Wort war aus ihrer Kehle heraus gebrochen, bevor sie sich bewusst dazu entschieden hatte.

In anderen Momenten wäre es Mihari sicher peinlich gewesen, doch nicht jetzt, wo das Adrenalin ihren Körper durchspülte, und ihre Gedanken mit einem dankbaren, tauben Schleier belegte.
Sie war schießlich kein kleines Kind mehr.
Nicht mehr so wie die anderen Pandarenkinder, einige Jahre jünger als sie, die noch auf dem Rücken ihrer Eltern, in Stoffbeutel gewickelt, durch das Dorf getragen wurden. Man schrie nicht nach seiner Mutter, aus voller Kehle heraus, das war nun wirklich peinlich. Besonders, wenn es jemand hörte – was man mit dem lauten Schreien ja schließlich beabsichtigt hatte.

Ein paar klamme Atemzüge kroch die Stille zurück zu ihr, nur das raspelnde Atmen aus ihrem Brustkorb – bis sich das pandarische Wort erneut aus ihrem Körper zwang, über ihre Lippen hinweg, und sich dabei im halben Silbenlaut brechend. Sie wusste nicht, wieso.
Ihr Blick verschwamm.
Bestimmt würde sie irgendwie gehört werden. Wieso auch nicht? Sie hatte schon immer laut schreien können. In den Bergen hatte sie geübt, ihrem eigenen Echo auf der Lauer liegend, es jagend wie ein kleiner Luchs, im Schatten der Gebirgsspalten verborgen.
Wenn man laut schrie, dann wurde man auch gehört. Im Berg trug sich die Stimme weit, hoch bis zu den schneebedeckten Spitzen und darüber hinweg, wurde vom Wind und von der klaren Luft getragen, bis hinab und zurück ins Dorf. Sie war sich sicher.

Weswegen war sie hier?

Sie erinnerte sich.

"PAURO!" rief sie, und dieses Mal, beim dritten Ausrufen, stach ein harter Schmerz in ihre Brust hinein, der ihr die Kehle zuschnürte. Ein erstickter, ausklingender Laut war das Resultat, und sie versuchte zum wiederholten Male sich von der Stelle zu rühren, ohne Erfolg. Über ihrem Kopf war in weiter Entfernung ein Punkt zu sehen, dort wo sie hineingestürzt sein musste, in eine Schräge hinein, aufgestoßen und weiter hinab, bis hier hin, wo sie nun lag. Wenn sie den Kopf hob, kam neben dem starken Schmerz nichts in ihr Blickfeld, dass sie ausmachen konnte.

Dunkelheit lag vor ihr, und es schien, dass die gleiche Dunkelheit am Rande in ihren Blick hinein kroch, sich auszubreiten schien. Sie lag wie in einer entrückten, stillen Ewigkeit hier auf dem harten Untergrund, konnte nicht mehr sagen wieso, oder wie viel Zeit eigentlich verstrich. Die Schwärze war ein erdrückender Gast, der sie in blinde Machtlosigkeit zwang, und aus Geräuschen und Gerüchen wabernde Geister zu malen schien. Geister, die sich um sie versammelten.
Rote Punkte in ihrem Blick, in der Finsternis.

Sie krochen zu ihr heran, wankend, mit verspieltem Eindruck. Die roten Lichter tanzten im Nichts, kamen immer näher, bis sie um ihren liegenden Körper herum zu schweben schienen, verharrend. Zu einem ledernen Geräusch peitschender Schwingen mischten sich Glutstücke, welche mitten in der Luft in einem entfachten Kamin zu lodern schienen. Mihari entlockten sie ein angstvolles Geräusch, rasselnd und verzerrt.
"Sie hat gerufen!" sagte das erste Licht, und ein gellendes Lachen tauchte in die Dunkelheit, schien von fernen Wänden wieder zurück geworfen zu werden, fand Antwort in der Schwärze um sie herum.
"Gerufen, gerufen." Kreischendes Gelächter.
Mihari versuchte sich aufzurichten, und fand nichts außer Kraftlosigkeit und Schmerz, ihren Nacken hinab.
"Sie hat nach Mutter gerufen!"
"Ooh, ooh. Sie kommt. Sie kommt!" Eine andere Stimme, spöttelnd.
"Dachtest du, du kannst fliegen?" Der Chor wuchs an.
"Fliegen? Wie wir?"
"Fallen kannst du! So tief!"
"So tief."
Das Gelächter ebbte ab, in kindlich kratzenden Stimmen, mit schwerem Rauch belegt.
Mihari weinte, aber es war ihr nicht peinlich. Der Schmerz war zu groß, um sich selbst peinlich zu sein.

"Mutter kommt." flötete die junge Stimme, und die tanzenden Lichter aus glimmender Kohle vervielfachten sich – bis Mihari vor sich sah, wie sich die Schwärze teilte. Die Finsternis schien zurück zu weichen, mit einem gewissen Respekt, und aus der Dunkelheit kamen zwei große Leuchtfeuer zu ihr, wie die ihr so vertrauten Laternen im Dorf, die zur Jahreswende in rotem Feuer entzündet wurden.
Mihari - Teil 4

Bei ihrem Erwachen war sie in einen hinteren, tieferen Teil der Höhle gebracht, und dort auf eine wie moosartig wirkende Unterlage niedergelegt worden. Um sie herum hatte sie teils gebrochene, teils in großen Stücken erhaltene Schalen ausmachen können, deren Oberfläche rau und scharfkantig waren, die Innenseite jedoch mit einem klebrigen, süßlich riechendem Schleim überzogen. Der süßliche Geruch, fast ähnlich dem Bohnenmus, dass in den Bergen auf Wanderschaft eines ihrer Lieblingsmahlzeiten gewesen war, hatte eine beruhigende, fast einschläfernde Wirkung auf Mihari.
Allgemein fühlte sich sich durchgehend matt und schläfrig, und bei ihrem ersten Versuch, ihre in Schwärze gehüllte Umgebung näher zu erkunden hatte sie feststellen müssen, dass von ihren Beinen ein kribbelndes, stechendes Gefühl ausging, welches ihr jede Fähigkeit zum Laufen entsagte.
So lag sie dort zwischen bröckelnden Schalen und weichem Moos gebettet, und wusste nicht, wo sie sich befand, was vorgefallen war, oder was nun mit ihr passieren würde. Von den Stunden dieser Einsamkeit letztlich angetrieben, und auch da sie fürchterliches, nagendes Heimweh überkam, begann sie bald wieder zu rufen, nach irgendwem auch immer, der sie hören konnte.

Sie hatte zu Beginn Erfolg – denn nicht lange nach ihren ersten Rufen meldeten sich kleine Flügelschläge in der Dunkelheit. Zwei tänzelnde Lichter kamen in ihr Blickfeld, die sie nun als die Augenlichter eines wohl jungen Schuppenwesens erkannte. Die Kreatur näherte sich ihr, ohne ein Wort zu sprechen, und als Mihari um Hilfe bat, von ihren Schmerzen und ihren Beinen klagte, und von ihrem zunehmenden Hunger, erhielt sie keine Antwort. Vielmehr gähnte das beschuppte Tier, zeigte aus einem rötlich glimmenden Maul einen reich bezahnten Kiefer und fleischfarbene Zunge, bevor es sich unweit von Mihari in eine halb erhaltene Schalenform niederlegte, und sich dort nicht ungleich einer Katze zum Schlaf einrollte.

Weiteres Rufen blieb zunächst ohne Erfolg, bis sich in der fernen Schwärze erneut Schwingenschläge meldeten, dieses Mal so gewaltig, dass ein unnatürlicher Wind entfachte, der durch ihr Fell und ihre Haare strich, an ihrer zerschlissenen Kleidung zerrte. Ein Beben folgte, ausgelöst durch das Absetzen riesiger Gliedmaßen auf dem steinernen Untergrund, und dann kehrte Stille ein. Mihari rechnete fest damit, dass die zwei großen Laternenlichter jeden Moment aus dem Nichts auftauchen mussten, wie einst nach ihrem Fall – doch zu ihrer Verblüffung waren es gedämpfte Schritte, die sich ihr näherten. Eine humanoide Gestalt schälte sich aus der schwarzen Vollständigkeit vor ihrem Blick heraus, schwach glimmend in ein gräuliches Licht getaucht, welches aus dem Körper der Gestalt heraus zu dringen schien.
Anders als ihr eigenes pandarisches Volk besaß diese Person kein Fell, und ihre wie von Rauchschwaden überzogene Haut wies an den Armen und im Gesicht nackte Blöße auf, während der restliche Leib in einen langen, wabernden Umhang und eine Robe aus dunklen, unkenntlichen Ahnungen gekleidet war. Die Gesichtszüge waren für die junge Mihari ohne vergleichbare Ähnlichkeit, und so kroch die Furcht in sie zurück, denn sie erkannte nicht, dass es sich hierbei um das gleiche Wesen handelte, die sich eben zuvor lautstark angekündigt hatte.
Sich enger zurück in den Schalenhaufen drängend, entließ sie die Starre der Furcht erst aus ihrem Griff als die humanoide Gestalt vor ihr einen ruhigen Kniefall vollführte und ihr einen Blick aus glühenden Kohlen widmete, die in ihren Augenhöhlen wohnten.

„Kind.“ sprach das Wesen, eine weibliche Stimme, die mit ihrem sonoren Klang direkt in Mihari hinein sickerte. Aus einem Robenärmel glitt eine flache Schale in die Hände der Frau, die sich ebenso zu einer Schale zusammengelegt hatten. „Trink.“
Das verschreckte Pandarenmädchen zögerte zunächst, aber die weibliche Gestalt ließ sich nicht zur Ungeduld verleiten, bis Mihari schließlich ihre zittrigen Finger hob, die Trinkschale entgegen nahm, und die darin enthaltene Essenz an ihre Lippen führte, angestachelt durch ihren unerbittlichen Durst.
Der Trunk glitt ihre Kehle hinab, Feuer und Rauch und Pein hinterlassend. Mihari ächzte und keuchte, spürte Tränen ihre Mundwinkel hinabrinnen – doch als die Flüssigkeit ihren Magen erreichte, legte sich eine vollständige Wärme in ihre Glieder hinein, die selbst das stete Kribbeln in den Beinen zu stillen vermochte.
Die Frau die bei ihr kniete, deutete ein Nicken an und erhob sich unter dem fügsamen Rascheln ihrer Robe. „Schlaf.“ flüsterte das Wesen, mehr einer Verheißung gleichend als einer Bitte, und Mihari spürte, wie ihre Augenlider schwer auf sie hinab wogen.

Noch während die gedämpften Schritte von ihr fort gingen, der dichte Umhang sich mit der Bewegung aufbäumend, sank das verletzte pandarische Mädchen in einen tiefen Schlaf, in dem sie vom heimischen Herdfeuer träumte, und den Armen ihrer Mutter, die sie mit warmer Zuneigung umschlossen hielten.
Mihari - Teil 5

Da mir das Zeichenlimit einen Strich durch die Rechnung macht, und ich den vorerst letzten Part nicht zerreißen möchte, habe ich ihn als PDF über meinen Google Drive geteilt. Ich hoffe, das stört nicht. Hier einzusehen:
https://drive.google.com/file/d/1VNH5ImHp74OmwOfflD8yfuLIgUsVPYvG/view?usp=sharing

Es öffnet sich ein https Link zum geteilten, lesbaren PDF.

(Fortsetzung folgt?)

Nimm an der Unterhaltung teil!

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