[KaldoreiRP] Wenn die Wälder nicht mehr still sind...

Die Aldor
Es war nur noch ein Flüstern im Wind. So leise, kaum hörbar und doch hallte es durch den mit Blut getränkten Wald, sodass jeder, der den Atem anhielt, es hören konnte.
Jeder?
Hier war niemand mehr. Niemand, außer der Tod selbst. Und Jener scherte sich nicht um die Lebenden, die hier gefallen waren. Er verspottete sie, spuckte auf ihre toten Leiber oder verschlang das, was von ihnen noch übrig war. Und wenn sie nicht schon der Verwesung erlegen waren, so nutzte man sie als Ersatzteillager für verloren gegangene Körperteile, als wären sie Maschinen.
Maschinen, denen keine ewige Ruhe gegönnt wurde.
Manche der Sternenkinder sollten nie ihre letzte Ruhe finden, nie das Licht Elunes in ihrer Seele spüren, nie mit Mutter Mond durch den Nachthimmel reiten.
Sie waren verdammt. Verdammt dazu, auf dem Boden zu verrotten, den sie bis aufs Blut verteidigten und ihr Leben gaben, um andere zu retten.

Das Eschental und die Wälder der Dunkelküste, in Blut getränkt vom Völkermord, den die Bansheekönigin begangen hatte. Der Weltenbaum, einst als Makel der Kaldorei und Selbstsucht eines Erzdruiden gesehen, entpuppte sich als blühendes Leben für viele Städte, Dörfer und dessen Bewohner. Er war noch nicht alt, hatte die Übel des Alptraums überstanden, war wieder genesen... und fiel der Verächterin allen Lebens zum Opfer. Trauer und Verzweiflung legten sich auf ein sterbendes Volk, doch die Glut der Rache entfachte rasch.

Sturmwind war kein Ort von Dauer. Nicht für jene, deren Herzen von Vergeltung getrieben waren und alles daran setzten, zurück zu gelangen. Sie hatten den Krieg der Dornen durchgestanden, überlebt. Nun würden sie zusammen stehen und für das kämpfen, was ihnen gehört.
Die Wälder...sie sind nicht mehr still. Das Flüstern wich den Rufen, die durch die Geister jener hallten, die überlebten. Auch die Ruhe der abgeschotteten, unberührten Mondlichtung vermochte es nicht, sie zum schweigen zu bringen.
Sie waren aufgebracht, unstet. Ihre Herzen rastlos, ihre Hände voller Tatendrang. Die hölzernen Wände voller Karten, Vorräte, Pläne. Die Vorbereitungen liefen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Vergeltung greifen konnten.
Der sanfte grüne Schimmer über den Dächern Nachthafens wandelte sich langsam in die allabendliche rote Dämmerung. Auf den Hügeln vor dem Quartier am Rande der Stadt konnte man die Silhouette einer Kaldorei erkennen. Der Wind umspielte das weiße lange Haar der Kaldorei, während sie schweigend über Nachthafen blickte. Das Leben begann sich in den Häusern zu regen. Auf dem Platz unter dem Quartier begannen einige Verteidiger einen Übungskampf auszufechten. Der Klang von aufeinanderschlagenden Klingen mischte sich in das Rufen eines Händlers, der seine Brote feilbot. Etwas weiter entfernt drang Wehklagen zu ihr.
Ein weiterer Bruder war gefallen. Die Lider der Kaldorei schlossen sich zu einem stillen Gebet.
Wie oft hatte sie in den letzten Wochen diesen stummen verzweifelten Ruf an die Göttin gesandt? Sie konnte es nicht mehr zählen. Die Zerstörung, die sie sah, wenn sie die Küste entlang flog, ließ in ihr immer wieder das Herz stocken. Auch im Eschental sah es nicht viel besser aus. Vereinzelt hatte die Sturmkrähe Schwestern und Brüder ausmachen können, die am Leben waren. Ihre Nachrichten trug sie weiter und versorgte auch jene mit dem, was sie in Erfahrung bringen konnte. Sie waren wenige, doch ihre Hoffnung und ihr Wille war ungebrochen.
Es war nur eine Frage der Zeit bis die Kaldorei wieder über die Wälder wachten.
Es war nur eine Frage der Zeit bis jene, die gefallen waren, Rache erfahren würden.
Es war nur eine Frage der Zeit bis die Natur wieder im Gleichgewicht war.
Es war nur eine Frage der Zeit bis….
„Mondschwinge, du bist zurück?“ durchbrach die Stimme des Alten ihre Gedanken.
„Sie wird dafür bezahlen. Die Bansheekönigin wird dafür bezahlen,“ flüsterte Eldeh leise.
Es war nun einige Zeit her, seit sie den Traumpfad durchschritten und die Mondlichtung erreicht hatten und doch schien es, als wolle die Zeit nicht verstreichen. Wie er auch zu Laubtanz gesagt hatte, so konnte man nicht einfach ohne Vorbereitungen in den Krieg ziehen und darauf hoffen, das Vorhaben würde ohne Sinn und Verstand so laufen, wie man es kurzfristig geplant hatte.
Nein, sie würden gründlich sein. Sie waren keine große Gruppe, noch nicht einmal eine Einheit und doch waren alle bereit, gemeinsam die Dinge in die Hand zu nehmen, zu denen sie fähig waren. Sie würden die Horde für ihre Taten büßen lassen, das Land zurück erobern und der Natur das Gleichgewicht zurück bringen, welches sie verloren hatte. Bald... irgendwann...

Aerandar lag im dichten, hohen Gras des smaragdgrünen Traumpfades. Das dunkle Fell, welches seinen Körper schützte, war bereits mit Pollen eingeschneit, doch er regte sich nicht. Auch nicht, als es sich einer der hiesigen Feendrachen auf seinem breiten Bärenrücken bequem machte. Mit seinen kleinen Ärmchen versuchte er regelrecht, sich eine Kuhle zu graben und doch gab es seitens des Druiden lediglich ein Schnauben als Reaktion.
Die goldgelben Augen schimmerten im grünen Nebel, nur gelegentlich blinzelnd starrten sie auf das Wasser vor seiner Nase, an dessen Rand er sich nieder gelassen hatte. Er beobachtete die winzigen Wellen, die sich bildeten, jedes Mal wenn er ausatmete.

"Hier seid ihr, alter Bär." Eine hohle, widerhallende Stimme durchdrang seinen Geist, doch noch immer dachte er nicht daran, aufzustehen. Er wusste um wen, oder besser -was- es sich handelte und doch hatte er nicht im geringsten Interesse, sich der Stimme zu widmen.
"Bitte, komm zurück. Ein letztes Mal."

Aerandar öffnete die Augen und starrte in das Gesicht des Feendrachen, der gerade noch auf seinem Rücken Platz genommen hatte, während er das Wasser beobachtete.
Hier im Traum war Zeit bedeutungslos, es war schwer zu sagen, ob er nur kurz eingenickt oder Stunden geschlafen hatte.
Schnaubend hob er den massigen Schädel empor, ehe der Körper folgte. Die Pollen aus seinem Fell wichen, als er begann sich zu schütteln und traten sachte schwebend ihren Weg durch den Traum an, um jenen zwischenzeitlich ein regelrechtes Glitzern zu schenken.
Der Feendrache, seines Zeichens ewige Nervensäge und doch treuer Freund des Druiden, begann zu kichern und setzte sich auf den Nacken des Bären.

"Ich bin froh, das du vorbei geschaut hast." quietsche er glücklich und flatterte erst wieder empor, als Aerandar das surrende Traumportal erreicht hatte, das zurück zur Mondlichtung führte. Brummen drang aus der Kehle des Bären, als er schließlich den Kopf vor dem kleinen Geschöpf neigte. Noch ein paar Momente starrten sie sich gegenseitig an, ehe er weiter stapfte.
"Ich weiß, das du noch auf der Mondlichtung bist. Das nächste Mal komme ich dich besuchen!"
Tief gruben sich seine Hände in den dichten Schnee, als sich die beschworenen, wenigen Ranken immer weiter seinem Geiste entzogen und drohten, die Schimäre frei zu lassen.
Er und Feywe hatten alle Konzentration aufbringen müssen, um die Kälte durchdrungene Erde zu durchbrechen und nur wenige Wurzeln und Ranken schafften es, dem Ruf der Druiden zu folgen.
Der Gegner, eine männliche Eiswindschimäre und in diesem Moment Ressourcenbegierde, wehrte sich fast mit Erfolg, wären nicht die vereinten Kräfte der Gruppe gewesen, um das riesige Tier zu bezwingen.

"Die vereinten Kräfte der Gruppe..." murmelte er leise zu sich selbst, während der Blick über die schneeweißen Berge glitt. Hier oben, auf einer Klippe am Rande der Mondlichtung, hatte er perfekten Blick auf die Landschaft Winterquells, die sich vor ihm wie eine Decke über das Tal gelegt hatte.
Ob sie wirklich geeint kämpften konnten, ließ sich sicher nicht aus einer einfachen, gemeinsamen Jagd ableiten, doch das war auch nicht Shayels Intention gewesen. In der Tat hatten die frisch zusammen gewürfelten Kaldorei gut zusammen gerarbeitet und großartige Worte waren nicht einmal nötig gewesen, doch viel wertvoller war das Vertrauen, welches sie aus dieser Übung für einander aufbringen konnten.
Aus Vertrauen wuchs Stärke, aus Stärke Zusammenhalt. Der alte Druide war zuversichtlich, das die Gruppe reifen und erfolgreich sein würde. Wann und aus welchen Erfahrungen dies entstehen würde, wusste nur Elune selbst.
„Eine Mutter beschützt ihre Kinder.“

So hatte es Elyann zu Cyandris gesagt und es sollte ihre Hoffnung ausdrücken, Mutter Mond möge alle gefallenen Kaldorei zu sich holen, auch jene, denen nicht solch ein Ritual zuteil wurde wie der Druidin heute Nacht. Oder ging es noch um etwas anderes?

Elyann zog die Knie enger an ihren Brustkorb heran und hielt die Beine umschlungen. Die junge Späherin saß unter dem Baum, der in den letzten Wochen so etwas wie ihre Zuflucht geworden war. Ihr Rücken lehnte an die feste Rinde und ihre nackten Zehen tippten auf den Wurzeln herum als folgten sie einem eigenen Rhythmus. Die kleine Eule, die der Kaldorei seit Teldrassils Brand die Treue geschworen zu haben schien, war für den Moment verschwunden. Während der Bestattung aber hatte sie stoisch auf Elyanns rechter Schulter gesessen. Ob sie ihr Halt geben wollte?

Warum hatte dieses Ritual die junge Nachtelfe so berührt? Eine bleierne Schwere hatte sich auf Elyanns Körper gelegt seit dem Moment an, als die Trauergemeinde auf dem Weg zu dem kleinen Friedhof der Mondlichtung die Stimmen zu einem Klagelied erhoben hatte. Sie hatte ihre Kerze nicht loslassen wollen als würde das Hergeben bedeuten, die gefallene Elfe zu verlieren. Aber sie hatte diese Druidin doch nicht mal gekannt? Als Donnergrollen sie der Erde übergab, rannen Tränen über Elyanns erstarrtes Gesicht als habe sie so eben eine gute Freundin für immer verschwinden sehen. Der Kummer der Mutter, die verzweifelt weinte, schoss wie ein lähmendes Gift durch die Venen der jungen Elfe, die diese Mutter nicht kannte. Trotz der bitteren Schönheit des Rituals war Elyann vielleicht hier zum ersten Mal ganz konkret bewusst geworden, welches unermessliche Leid die Kaldorei ertragen mussten. Es war auch ihr eigenes Leid.
Brummend ging der alte Bär die Liste durch, welche kurz nach der letzten Zusammenkunft im Quartier ausgehängt wurde. Schritt für Schritt ließ er den Finger über das Pergament gleiten, während sich die Lippen dabei stumm bewegten und die Gedanken schon längst weiter gesprungen waren.
Ein tiefes, kehliges Seufzen drang aus seiner Kehle, als er sich auf dem Absatz herum drehte und den Weg nach draußen antrat.
Einige Decken und Felle hatte er bereits zu Bündeln verschnürt und auf den Karren geladen, der für die Reise nach Winterquell bereit gestellt wurde. Seine Hand glitt langsam über den weichen Inhalt, gedankenverloren mochte man meinen.

Seine nackten Füße trugen ihn weiter über den bemoosten Erdboden, heran an den Hügel und die kleine Klippe, welche einen guten Blick auf Nachthafen gewährte. Nachdenklich strich die Hand durch den Bart, während er den goldgelben Blick über das Treiben schweifen ließ, welches hier herrschte.
Zugegeben viel weniger, als es noch vor ein paar Monaten der Fall war. Viele seiner Brüder und Schwestern waren dem Ruf des Shan'do Sturmgrimm gefolgt, hatten die Wälder und ihre Bewohner beschützt und letztendlich mit ihrem Leben dafür bezahlt. Trost fand man auf Kalimdor nur noch selten, selbst auf der verschonten Mondlichtung.

Mit einem symbolischen Wink wischte er die Gedanken beiseite und versuchte sich auf das zu fokussieren, was vor ihnen lag. So wanderte die Hand in die Tasche und zog das abgegriffene Pergament hervor, welches von der cenarischen Späherin stammte. Er wusste, die Intention der Bitte des Zirkels, mit der Abreise zu warten, war vergebens und mit ziemlicher Sicherheit wussten die anderen Druiden das ebenso.
So glitten die Augen über den Bericht, immer und immer wieder, auf der Suche nach einem Hinweis, den es vielleicht gar nicht gab.

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